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„Unsere Tür steht immer offen. Für alle!“

Langsam schlendere ich durch die Frühlingssonne die Alteburger Straße entlang und frage mich, was die Gruppe älterer Männer auf dem Kreisverkehr an der Teutoburger Straße tun. Sie stehen diskutierend auf dem Fußweg. Direkt vor dem Geburtshaus Heinrich Bölls, wie eine Gravur zweifelhafter Qualität auf der Haustür daneben verkündet. Dass sie nicht wegen des Schriftstellers hier sind, erahne ich schließlich, als ich die etwas wackeligen Buchstaben an der verklebten Scheibe entdecke: Hier befindet sich eine Moschee.

Kaum bin ich neugierig stehen geblieben, da tritt auch schon einer der Männer freundlich auf mich zu und fragt, ob er mir helfen kann. Und er macht mich sofort mit dem Kassenwart der kleinen Moscheegemeinde bekannt: Herr Sefedin trägt seinen Anzug und einen langen dunklen Mantel, der Hut sitzt akurat auf seinem Kopf. Er lädt mich ein, mit ihm zusammen die Räume der Moschee zu erkunden.

Einen kurzen Moment stocke ich. Die Socken! Ich erinnere mich mit Schrecken an Weltbankpräsident Paul Wolfowitz, der mit löchrigen Socken durch die Moschee in Edirne schlurfte. Aber nein, das passiert mir nicht.

Herr Sefedin nimmt sich Zeit, er erzählt von den Anfängen der Moscheegemeinde in den 1990er Jahren und immer wieder von seinen eigenen Erlebnissen. Denn er kommt keineswegs aus der Türkei, wie ich zuerst vermute. Er ist Mazedonier. In den 1960er Jahren emigrierte er aus politischen Gründen aus Jugoslawien nach Deutschland, lebte eine Weile in Niedersachsen, arbeitete dort für die britische Armee als Fahrer. Als die ihn 1965 in den Krieg nach Rhodesien mitnehmen wollte, kündigte er, zog nach Solingen, holte schließlich seine Familie nach und entschied sich dann für Köln, um seinen Kinder eine gute Ausbildung an der Universität zu ermöglichen.

Wir sitzen an einem wackeligen Küchentisch. Während des Gesprächs kommen immer wieder neugierige Gemeindemitglieder herein, die wollen wissen, wer ich bin und was ich hier tue. Und sie freuen sich durchgehend über meinen spontanen Besuch. Nach und nach gehen sie in die hinteren Räume, bevor sie mit hochgekrempelten Ärmeln zurückkehren und im Gebetstraum verschwinden.

Sefedin schwärmt von Willi Brandt, der es ihm erst ermöglichte, seine Familie aus Jugoslawien zu sich zu holen. Seine Frau und seine Kinder hatte er lange nicht gesehen. Er erzählt von den Schwierigkeiten, einen guten Imam zu finden, der mit den Kindern der Gemeinde angemessen umgehen kann. Denn der letzte war durch so große Strenge aufgefallen, dass die bis dahin etwa 50 Koranschüler nach und nach ausblieben. Die Gemeinde verlängerte nach dem ersten Jahr den Vertrag des Imams nicht und trennte sich von ihm. Jetzt übernehmen die Gemeindemitglieder im Wechsel die Aufgabe des Vorbeters.

Immer mehr Männer gehen an uns vorbei. Wo sind denn die Frauen?, will ich wissen. Die haben ihren eigenen Raum für sich. Im Keller. Hier wird getrennt gebetet. Es war wohl eine Frage zu viel über die Abläufe, die Sefedin dazu veranlasste, mich zum nächsten Gebet einzuladen. Vorher muss ich mich allerdings reinigen. Jetzt verstehe ich auch, wohin die Männer gingen: Hinten befindet sich ein Waschraum. Das Gesicht und die Ohren, die Arme und die Füße wasche ich mir, dann kann ich mir die Socken wieder anziehen.

Als sich der Gebetsraum vor mir öffnet, bin ich erstaunt. Ein einfacher Teppich belegt den Fußboden durchgehend. Einige Männer sitzen auf dem Boden, beten, diskutieren oder lesen still in ihrem Koran. Die gegenüberliegende Wand ist reich verziert, eine Gebetsnische gibt die Richtung nach Kaaba, dem Zentralheiligtum in Mekka, an. Die Männer versammeln sich nach und nach in Reihen, setzen sich ihre weißen Gebetsmützen auf die Häupter, knien nieder. Staunend setze ich mich in eine Ecke.

Der Vorbeter beginnt mit seinen monotonen Gebeten. Mit einem Mal komme ich mir weit weg vor. Ich bin nicht mehr in der Kölner Südstadt, ich bin irgendwo im Orient. Entspannung durchströmt meinen Körper. Rhythmisch bewegen die Männer ihre Köpfe an rechts und links, sie erheben sich, setzen sich wieder, streichen sich mit den Handflächen über das Gesicht. Über allem liegt der Gesang, das Rede-und-Antwort-Ritual des Gebets. Ungewohnte Worte, beruhigende Klänge und die Aura des religiösen geben mir Zeit zur inneren Einkehr. Es ist wie eine Meditation. Lange könnte ich hier einfach sitzen bleiben.

Doch nach zwanzig Minuten ist alles wieder vorbei. Die Männer erheben sich, ziehen sich ihre Schuhe über die heilen Socken, gehen nach draußen. Hier stehen sie nun wieder schwatzend in der Sonne, rauchen noch eine Zigarette, bevor sie sich wortreich voneinander verabschieden. Völlig gefangen verlasse ich auch ich nun den Raum und kann es noch nicht so richtig fassen. Ich bin mitten in Köln. Mitten in der Südstadt. Herr Sefedin fordert mich auf, zurück zu kommen: „Unsere Tür steht immer offen. Für alle!“


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