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Moralinsaure Abrechnung mit meiner Fahnenphobie

Auf dem Weg aus der Innenstadt verschlägt es uns an die Biertische einer Kneipe, irgendwo in der Südstadt. Hier bin ich noch nie gewesen. Nett ist es. Man sitzt draußen, unter Bäumen, ein Brunnen plätschert (ja, tatsächlich, ein Kölner Brunnen, der Wasser führt). Und wie immer dieser Tage: Der Fernseher steht prominent eben uns. Der Bildschirm ist grün. Sehr grün.

Auf dem Weg aus der Innenstadt verschlägt es uns an die Biertische einer Kneipe, irgendwo in der Südstadt. Hier bin ich noch nie gewesen. Nett ist es. Man sitzt draußen, unter Bäumen, ein Brunnen plätschert (ja, tatsächlich, ein Kölner Brunnen, der Wasser führt). Und wie immer dieser Tage: Der Fernseher steht prominent eben uns. Der Bildschirm ist grün. Sehr grün. Ein unheimliches Gebrumme wie aus einem riesigen unterirdischen Hummelnest schallt heraus. Sehr überirdisch. Es ist WM. Alle Bildschirme sind Fußball. Bald sehen wir wohl auch auf den Überwachungsbildschirmen im Rewe die aktuellen Spiele.

Doch nicht die Spiele gehen mir auf die Nerven. Die Flaggen sind es. Die Farben. Schwarz. Breit. Äh… Rot. Gold. Nein. Geld… Gelb… Überall in der Kneipe stehen, liegen und hängen Flaggen, Wimpel und alles, was man auf irgendeine Weise schwarzrotgelb anmalen kann. Ich habe mich irgendwie nie mit der deutschen Nationalflagge identifizieren können. Die ist auf eigenartige Weise vorbelastet. Ja, natürlich ist mir die Tradition der Flagge bekannt. Aber auch über diese kann man sich getrost den einen oder anderen Abend bei Wein, Weib und Gesang streiten.

Nein, ich habe mich nie mit der gelbschwarzroten Flagge abgefunden. Und ich kann dem andauernden Flaggentrend nichts abgewinnen. Die deutsche Flagge ist für mich mit Volkstümelei und Nationalstolz verbunden. Bin ich jetzt intolerant? Volkstümelei finde ich zum Kotzen. Nationalstolz habe ich nie entwickeln können, wollen, dürfen. Nein, nein, ich will die Flagge nicht in Bausch und Bogen ablehnen. Ich wundere mich lediglich über die Massenbewegung, die seit der WM 2006 stetig anhält und offenbar zunimmt.

Jetzt stehen, laufen und hängen sie überall herum: Die Deutschlanddevotionalien. Rotschwarzgelbe Flaggen und Wimpel, schwarze Tischdeckchen mit roten Blümchen in gelben Väschen, leichte rote Hüte über schweren goldenen Ketten und luftigen schwarzen Kleidern, gelbe Lampen und rote Ampeln, selbstreinigende Klobrillen, hautenge T-Shirts, Autospiegelschoner, die wie Kondome in den Verkehr ragen, goldeselhafte Marienkäfer. Alles in gelbschwarzrotgelb, äh schwarz.. rot. Es ist eine eintönige Überfrachtung der Umwelt in drei Farben. Und offenbar vollkommen ohne jede Aussage. Denn was will mir der blumengirlandentragende, laut „Schland“ skandierende Milchbubi auf der Severinstraße erzählen? Dass er Deutschland liebt? Dass er Poldis ganzen Namen kennt? Wer hat ihm diese Art der Artikulation mitgegeben? Welch ein Trauerspiel!

Doch dann kommt er über mich: Der Schock. Die Erinnerung an die letzten Spiele unserer Jungs gegen… ja, gegen wen denn eigentlich noch? Ich sehe mich angespannt mitfiebernd mit einem güldenen Kölsch vor einer Kneipe sitzen, laut aufschreiend, als Poldi ein Tor schießt. Auf den Schwarzgekleideten schimpfend, als er Klose mit gelb-rot vom Platz schickt. Ich bin plötzlich schwarzrotgelb engagiert. Und dann wird diese Erinnerung überschattet von dem Grong Prie dö la Schongßong. Von Lena. Jedes Mal, wenn die zwölf Punkte an unser Mädchen aus Hannover gingen, habe ich gejubelt.

Wir sind also schwarzer Papst, güldene Lena und möglicherweise bald auch WM. Werde ich mir dann auch eine rotschwarzgelbe Flagge vom Balkon hängen? Mir wird übel. Die Flagge ist gesellschaftsfähig geworden. Wir dürfen offenbar wieder stolz darauf sein, deutsch zu sein. Jetzt halten Galle und Magensäure ein Stelldichein in meinem Hals. Der Prozess der Verdeutschlandisierung ist breit akzeptiert. Er ist da und er wird gepflegt. Man macht ihn einfach mit. Warum auch nicht? Fragt dann doch einmal jemand nach, wofür Schwarz und Rot und Gold stehen, dann ist der Fragende schnell in der Defensive.

Ich befinde mich in einer Generation der ausgleichenden Weichspüler. Es ist eine Wanderung auf schmalem Grat. Erwähne ich die Entwicklung nicht, dann fühle ich mich beim Anblick der Flaggen irgendwie fies. Lehne ich die Nationalflagge ab, dann wandere ich schnell in den Sumpf der moralinsauren Demagogie roter Aktivisten ab. Befürworte ich die bunten Aushänge, fühle ich mich irgendwie schwarz; zu schwarz, um in den Spiegel sehen zu können. Da gilt es, die goldene Mitte zu finden.

Stolz werde ich auf Deutschland wohl nie sein. Eine Deutschlandflagge werde ich mir nicht aus dem Fenster hängen. Doch wenn unsere Jungs spielen, dann brodelt es in mir über. Irgendetwas schlummert in mir, dass mich bei jedem Tor jubeln lässt. Und auf unheimliche Weise macht mir das Angst, denn ich stecke in einem Zwiespalt. Ich will mich über einen Sieg freuen können, doch ich vermiese mir die Stimmung sofort mit den Zweifeln. Der Wirt der Kneipe mit den vielen Deutschlanddevotionalien heißt übrigens Costas. Mein Sprachgefühl sagt mir, dass das kein typisch deutscher Name ist. Eher griechisch. Vielleicht sollte ich mir etwas von ihm abgucken: Ich hänge mir die schwedische Fahne vor die Tür, jubele bei jedem Tor für die blaugelbe Mannschaft und freue mich insgeheim, dass die Schweden eine Deutsche zu ihrer Königin machten. Ach, die Schweden sind gar nicht dabei? Mein Gott, ihr macht es einem aber auch nicht leicht.


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