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Flucht, Angst, Demütigung

Der lange Weg eines Afghanen nach Köln

Ismail möchte, dass die Menschen erfahren, was er in den letzten Jahren erlebt hat und wie es ihm damit ergangen ist. Sein Bericht über den langen Weg von Afghanistan nach Köln ist hörenswert – wenn auch manchmal erschreckend.

Ismail heißt anders, aber um seine Familie – die im Iran lebt – nicht zu gefährden, nennen wir ihn Ismail und publizieren keine Fotos von ihm. So lange seine Situation hier in Deutschland nicht abschließend geklärt ist und seine Familie durch den langen Arm des iranischen Regimes bedroht ist, möchte Ismail anonym bleiben. Zu seiner Unterstützung hat Islamil seinen Freund Heinz mitgebracht, den er kurz nach seiner Einreise nach Deutschland kennenlernte, und der ihn oft begleitet, um zu vermitteln.

Ismail ist Afghane. Schiitischer Afghane. Wann er geboren ist, weiß er nicht genau, denn in Afghanistan war es zur Zeit seiner Geburt nicht selbstverständlich üblich, jedem Neugeborenen eine Identität zu geben. Er schätzt sich selber auf 26 oder 27 Jahre. Die deutschen Behörden haben seinen Geburtstag auf den 1. Januar gelegt – so ergeht es allen Menschen, die wie Ismail keine Papiere vorlegen können und ihr Geburtsdatum nicht kennen.

Ismail bittet darum, sich setzen zu dürfen. Er kann sich sonst nicht konzentrieren. Seine Hände machen die Nervosität sichtbar, mit der er kämpft. Es fällt ihm schwer, Vertrauen zu einem Unbekannten aufzubauen. Heinz ist eine große Unterstützung für ihn.

Afghanistan – ein Land im Dauerkrieg

Mitte der 1980er Jahre befand sich Afghanistan im Krieg. Eigentlich schon seit Jahrzehnten. Die Sowjetunion versuchte, kommunistische Interessen in einem Land durchzusetzen, das schon ewig ein Spielball kolonialer Politik war. Mit dem Rückzug des sowjetischen Militärs 1989 wurde das Leben nicht besser: Es folgten die Mudschahedin, dann die Taliban. In den folgenden Jahren überzogen sie das Land mit Gewalttaten und Unterdrückung, um ihre islamistische Interpretation von Recht durchzusetzen. Im Herbst 2001 marschierten die USA in Afghanistan ein. Viel sicherer ist es seither am Hindukusch nicht geworden.

Inmitten dieser Welt lebte Ismail mit seinen Eltern und seinem Bruder. Zwei winzige Zimmer. Der Hunger allgegenwärtig. Wenn das Endes des Ramadans näher kam, wenn die Muslime sich eigentlich neu einkleiden, um das Zuckerfest zu feiern, dann hatte die Familie kein Geld für Hosen. Als Ismails Vater starb, entschied sich seine Mutter, mit den Söhnen über die Grenze in den Iran zu gehen, wo bereits die Töchter mit ihren Familien lebten. Die hatten erzählt, im Iran sei vieles besser, denn dort lebten mehr Schiiten – die in Afganistan immer wieder unter Verfolgung zu leiden haben.

Afghanen im iranischen Exil

In den Iran zu gehen, bedeutete für die Familie, keine Rechte mehr zu haben. Offiziell leben eine Million Afghanen im Iran, die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Schulen dürfen ihre Kinder nicht besuchen, offiziell zu arbeiten ist den meisten verboten. Aber rechtlos zu sein war für Ismails Familie immer noch besser, als in einem Land zu Leben, das den Frieden nicht mehr kannte.

Ismail war acht oder zehn Jahre alt, als er die Grenze in den Iran überquert. Er erinnert sich, dass die Amerikaner damals noch nicht in Afghanistan einmarschiert waren. Seine Mutter arbeitete überall, wo es ein wenig Geld zu verdienen gab, richtete dabei ihre Gesundheit zugrunde. Ismail selber schlug sich als Schuhputzer durch, um ein wenig zum geringen Einkommen dazu zu verdienen.

Aufbruch in eine ungewisse Zukunkft

Als seine Mutter starb, packte Ismail seine Habseligkeiten zusammen und begab sich in die Hände von Schleusern. Für 3.500 Dollar versprachen sie ihm, ihn nach Griechenland zu bringen. Ungeheuer viel Geld. Sein Bruder half ihm, das Geld zusammenzubringen, und schließlich machte sich Ismail auf die Reise nach Europa. 2.500 Kilometer lagen vor ihm.

Sie waren 16 Afghanen. Die Berge auf der Grenze in die Türkei sind hoch. Sie überwanden sie weitgehend zu Fuß. Manchmal wurden sie ein paar Kilometer in einem Auto mitgenommen, über schmale Schotterpisten. Manchmal mussten sie eiskalte Flüsse durchschwimmen. Die türkische Polizei achtet scharf auf die Flüchtlinge, die sich ihren Weg quer durch ihr Land bahnen.

Istanbul lag auf dem Weg. Doch es war nur ein Zwischenstopp. Bis ans Ufer des Mariza, des Flusses, der die Türkei von Griechenland trennt. Hier erstreckt sich heute ein Grenzzaun, der sich mit seinem Vorbild zwischen den USA und Mexiko messen kann. Als Ismail an das Ufer trat, wurden Schlauchboote aufgeblasen, mit denen sie das Gewässer in ständiger Furcht vor den griechischen Grenzern überquerten. Auf der anderen Seite wartete die Polizei schon auf sie. Doch Ismail konnte fliehen. Quer durch das Land, das für uns in erster Linie ein Urlaubsziel ist.

Europa – das Paradies, das keins ist

Auch Athen war für den jungen Afghanen lediglich ein Durchgangsort. In der Stadt tummeln sich Flüchtlinge aus allen Nationen. Die meisten wollen weiter, nach Italien, Deutschland, Österreich und Schweden. Ismail arbeitete auf dem Land, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Zwiebeln und Oliven ernten. Während andere Arbeiter fünf Euro pro Stunde bekamen, wurden an die Flüchtlinge 20 Euro am Tag ausgezahlt. Fünf davon gingen an einen Vermittler.

Von seinem Bruder erhielt Ismail Geld aus dem Verkauf eines kleinen Grundstücks. Per Überweisung erreichte es ihn in Griechenland. Aber niemand, der auf der Straße lebt, sollte Geld bei sich tragen. Das wusste auch Ismail. Also deponierte er das Geld bei einem Mann, dem in diesen Tagen viele Gleichgesinnte vertrauten: Ein Grieche nahm von zahlreichen Flüchtlingen Geld an – und dann verschwand er spurlos. Ismail kontaktierte erneut seinen Bruder, der ihm noch einmal Geld schickte.

Überfüllung auf einem kleinen Boot

Ein Schleuser versprach Ismail, ihn auf einem Boot mit höchstens 35 Personen nach Italien zu bringen. Als Ismail mit einem Freund zum vereinbarten Treffpunkt an der Küste kam, warteten bereits 70 Menschen. Ismail hörte auf sein Bauchgefühl. Und das riet ihm von der Überfahrt ab. Frustriert kehrte er nach Athen zurück. Später erfuhr er, dass 250 Menschen das Boot bestiegen hatten. Vor der italienischen Küste brach es auseinander. Ein niederländischer Frachter nahm die Menschen auf. 70 Flüchtlinge ertranken bei dem Unglück.

Ein weiterer Schleuser verhalf Ismail zu einem gefälschten bulgarischen Pass, mit dem er ein Flugzeug nach Frankfurt besteigen konnte. Endlich. Nach zehn Monaten Stillstand in Athen. Den Pass sollte er nach der Ankunft in Deutschland sofort in der Toilette entsorgen. Aber Ismail wollte nicht mehr das tun, was ihm die Schleuser vorschrieben. Er behielt den Pass in der Hand, wurde zielsicher aus dem Strom der Einreisenden herausgefischt und gefragt, ob er Bulgarisch spreche. Er sagte sofort, dass er Afghane sei.

Deutschland – wieder ein Land, das ihn nicht haben will

Was folgte, ist die übliche Odyssee der Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen. Ständig wechselnde Wohnheime, eines heruntergekommener als das andere. Trier, Bielefeld, Niederrhein. Schließlich Köln. Mülheim. Ein heruntergekommenes Wohnheim. Neben Ismail wohnten Alkoholiker und Drogenabhängige, die nachts um drei bei ihm klopften, ihn zum Feiern überreden wollten. Ismail schlief nicht mehr. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren, hatte Depressionen.

Das einzig Gute in dieser Situation war die Strafe, zu der er wegen der Einreise mit seinem gefälschten Pass verurteilt wurde. Er konnte sich entscheiden, ob er eine Haftstrafe antrat oder Sozialstunden abarbeitete. Ismail wollte arbeiten und Menschen kennenlernen. Er wurde zur Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) geschickt, um seine Strafe abzuleisten. Beim SSM wurde er zum ersten Mal seit Jahren als Mensch anerkannt. Die Mitarbeiter und Kollegen waren freundlich zu ihm, hörten ihm zu und nahmen ihn ernst. Er arbeitete, und das tat er gerne. Und er traf auf Heinz, mit dem er sich anfreundete und der ihm seitdem bei vielen organisatorischen Dingen zur Seite gestanden hat.

Lernen und umziehen

Weil Ismail Deutsch lernen wollte, erkundigte sich Heinz nach Möglichkeiten dazu. Die VHS bietet Deutsch-Kurse an. 20 Stunden pro Woche. Im Quartal kostet der Kurs 400 Euro. Kölnpass-Besitzer zahlen die Hälfte. Für Asylbewerber reduzieren sich die Kosten erneut auf die Hälfte. Vier Kurse hat Heinz bereits für Ismail finanziert. Und dessen Deutsch ist weit fortgeschritten. Manchmal muss er nachfragen, um die Fragen richtig zu verstehen. Hin und wieder fehlen ihm Worte, um seine Erlebnisse zu beschreiben – was ein Schlauchboot ist oder als was er im Iran gearbeitet hat.

Seit zwei Monaten lebt er endlich in einem anderen Wohnheim. Auch dabei hat Heinz ihm geholfen. In dem neuen Heim ist es ruhiger. Zum ersten Mal seit langem kann er wieder schlafen. Viel mehr erwartet Ismail im Moment nicht. Denn sein Antrag auf Asyl ist mittlerweile abgelehnt. Sein Rechtsanwalt hat Klage erhoben. Niemand weiß, wann das Gericht über Ismails Zukunft entscheiden wird. Bis dahin muss ein psychologisches Gutachten vorliegen, das seine Situation beschreibt.

Ismail leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sollte er abgeschoben werden, ist mit einer Verschlimmerung zu rechnen. Zumal er nach Afghanistan gebracht würde und nicht in den Iran. In Afghanistan hat er allerdings keinerlei soziale Kontakte. Schließlich war er noch ein Kind, als er das Land zuletzt sah. Die beiden offiziellen Sprachen Afghanistans, Dari und Paschtu, spricht er fast gar nicht mehr. Farsi, die Sprache Irans, ist zu seiner Muttersprache geworden. Doch der Iran kommt als Zielland bei einer Abschiebung nicht in Frage.

Die Sorgen nehmen kein Ende

Ein psychologisches Gutachten kann durchaus 1000 Euro oder mehr kosten – Geld, das Ismail nicht zur Verfügung steht. Heinz versucht nun, in seinem Bekanntenkreis genügend Spenden aufzutreiben. Vor zwei Monaten ist dann auch noch Ismails Bruder an Krebs gestorben. Täglich haben die beiden miteinander telefoniert. Ismail wollte seinen Bruder noch einmal sehen. Aber er hätte niemals in den Iran einreisen können, wo sein Bruder lebte. Absolute Hilflosigkeit gegenüber dem Leiden des eigenen Bruders drückte Ismail immer wieder nieder.

Ismail hat eine lange Flucht hinter sich. Und immer wieder müssen wir uns in aller Deutlichkeit vor Augen führen, wie schlimm das Leben in seiner Heimat sein muss, als Afghane im Iran, dass ein Mensch diesen langen Weg auf sich nimmt, alles hinter sich lässt, was ihm jemals etwas bedeutet hat. Wir müssen uns fragen, was wir in einer solchen Situation tun würden. Hätten wir die Kraft, den Mut, die Ausdauer, diese Strapazen auf uns zu nehmen? Würden wir nicht alles daran setzen, zu überleben und unsere Situation zu verbessern?


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