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Dorfidylle - Der Fortsetzungsroman

Dorfidylle # 01

Der Unfall.

Das Auto raste ungebremst auf den Baum zu. David schrie vor Entsetzen. Er rüttelte am Fahrersitz vor sich. Keine Reaktion. Der Baum kam immer näher. Panik. Adrenalin. Weit aufgerissene Augen. Er zerrte an seinem Gurt. Sie hatten den Baum fast erreicht. David schrie nach Julian. Aber der saß ganz ruhig neben ihm. Er zwinkerte nicht einmal, sondern sagte bloß »Du bist auf dem richtigen Weg.« Dann krachte es. Ein Ruck ging durch Davids Körper, als er nach vorne geschleudert wurde und gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes knallte. Die Windschutzscheibe zerstob in tausend Splitter. Das Auto wirbelte herum, überschlug sich. Einmal. Zweimal. David wurde hin und her geschleudert. Er krachte mit dem Kopf gegen die Decke, gegen die Seite. Ein Rucksack raste unkontrolliert durch den Raum. Das Fenster links neben ihm zersplitterte.
Als das Auto endlich zum Stillstand kam, hatte David jede Orientierung verloren. Er schmeckte Blut. Um ihn herum herrschte Totenstille. Das Auto lag auf dem Dach, David klemmte in seinem Gurt. Flüssigkeit sickerte in seine Augen und tauchte alles in einen roten Schimmer. Sein Herz raste, als er zur Seite sah. Bewegungslos hing Julian neben ihm vom Sitz herab. David streckte mit rasendem Puls eine Hand nach ihm aus. Blut rann über Julians Gesicht bis in die Haare und tropfte an die Autodecke. Doch dann öffnete er plötzlich die Augen, blickte David sanft an und sagte: »Vertrau mir.« Dann verlor er das Bewusstsein. Wieder schrie David.

Immer noch schreiend schreckte David hoch und realisierte, dass er in seinem Bett lag. Das T-Shirt war schweißnass. Sein Kiefer schmerzte. Vermutlich hatte er die Zähne krampfhaft zusammengebissen. Langsam ließ er sich zurück auf seine Matratze sinken. Das war nur ein Traum gewesen! Er spürte sein Herz noch immer aufgeregt pulsieren. Nur ein Traum! Über ihm starrte die weiße Zimmerdecke zu ihm herab. Von draußen sickerte das erste Licht des Tages durch die Lamellen der Jalousie. Vermutlich war es noch zu viel früh, um aufzustehen. Doch David befürchtete, den Traum herauszufordern, wenn er die Augen noch einmal schloss. Also schlug er die feuchte Bettdecke zurück und schwang die Beine aus dem Bett.
Was war das gewesen? Er hatte lange nicht mehr von Julian geträumt. Und wie kamen sie zusammen in dieses Auto? Nach und nach drangen die Erinnerungen an den vorherigen Abend in Davids Hirn. Sie hatten zusammengesessen. Tomas und er. Sie hatten eine Weile gezockt und Bier getrunken. Nicht viel, denn David wollte heute fit und wach sein. Er wollte einen guten Eindruck hinterlassen und nicht verkatert wirken. Das kam nicht gut im Gastgewerbe. Müde strich er sich über den Kopf und fühlte an seinen Fingern, dass auch seine Haare nass waren. Warum Julian?
Tomas hatte von dem Unfall erzählt. Jetzt erinnerte sich David allmählich wieder. Vor zwanzig Jahren war ein Auto auf der Landstraße zwischen dem Dorf und dem Gutshof des Grafen gegen einen Baum gerast. Alle Insassen waren dabei ums Leben gekommen. David selbst muss damals ein Kleinkind gewesen sein. Ein Baby. Und er hat hier im Dorf gelebt. Also hatte er die Leute im Auto vielleicht gekannt. Das war alles kurz bevor sie nach Berlin umgezogen waren. Aber von dem Unfall hat ihm nie jemand erzählt. Die Frau des Grafen sei im Auto gewesen, hatte Tomas gesagt. Und ihre Schwester mit ihrem Mann. Dunkel erinnerte sich David an ein Holzkreuz und Blumen am Rand der Landstraße. Er war schon oft an der Unfallstelle vorbeigekommen, hatte aber nie gefragt, was da passiert war. Er hatte seine Mutter nicht mit solchen Themen aufregen wollen, deshalb hat er sie nie gefragt.
Im Traum hatte Julian neben ihm gesessen. Den Fahrer hatte er nicht erkannt. Nur seine Silhouette sprang David jetzt noch einmal an. Und sofort spürte er wieder die Panik des Traums in sich hochkriechen.
Entschlossen drückte er sich vom Bett hoch und schlurfte ins Bad. Er wollte sowohl den Schweiß als auch die furchtbare Erinnerung an den Traum loswerden. Jedes Mal, wenn er die Augen kurz schloss, tauchten die Bilder wieder in seinem Kopf auf. Weiterschlafen wäre keine Option gewesen.
Im Erdgeschoss hörte er seine Mutter in der Küche rumoren. Vielleicht war es doch nicht mehr so früh, wie er gedacht hatte. Vielleicht hatte ihn der Traum genau zur richtigen Zeit geweckt. Du bist auf dem richtigen Weg. Julians Stimme hallte durch sein Hirn. Vertrau mir. David starrte sich im Badezimmerspiegel über dem Waschbecken bleich an. Wie sollte er jemandem vertrauen, der den Kontakt zu ihm vor Monaten abgebrochen hatte?
Er streifte seine Klamotten vom Leib, warf sie in den Korb mit der Dreckwäsche, dachte daran, dass er dringend waschen sollte. Er bemerkte die leichte Morgenlatte, strich sich über den Bauch, überlegte, ob er sich beim Duschen einen runterholen sollte, verschob das dann aber auf den Abend. Keine Ablenkungen heute Morgen. Er hatte klare Entscheidungen getroffen, die er jetzt nur noch umsetzen musste. Er drehte das Wasser auf und stieg in die Duschwanne.
Warum ausgerechnet Julian?
Erst als David das Wasser eiskalt stellte, verscheuchte er die letzten Bilder des Traums.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das erste Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle, der ab sofort in diesem Blog erscheint. Hast du einen Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es unten in die Kommentare.

Was wird mit David in diesem Roman passieren? Du darfst wild spekulieren und alle Ideen als Kommentar hierlassen.

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2 Antworten auf „Dorfidylle # 01“

Hi Stephan, gefällt mir als Opener für einen neuen Roman. Bei :“ Wie sollte er jemandem vertrauen, der den Kontakt zu ihm vor Monaten angebrochen hatte?“ sollte es wohl „abgebrochen“ heißen oder?! LG Oli

Hallo Oli,
Vielen Dank für deine Rückmeldung. Und du hast natürlich recht, er hat den Kontakt abgebrochen. Korrigiere ich direkt.
Grüße, Stephano

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