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Dorfidylle - Der Fortsetzungsroman

Dorfidylle # 03

Zum brüllenden Bullen.

Bevor David den Gasthof Zum brüllenden Bullen erreichte, hielt er an einer Weide noch einmal an. Er ließ den Blick über die grasenden Kühe auf den Wiesen streifen. Die Luft war angenehm warm und ein leichter Wind strich ihm über die nackten Unterarme. Der Duft der Tiere wehte zu ihm herüber. In der Ferne hörte er einen Trecker. Hinter der Weide stieg die Landschaft leicht an und war von dunkelgrünen Tannen bedeckt. Als er im hellen Licht der Sonne die Augen ein wenig zusammenkniff, konnte er den Hochsitz erkennen. Dort oben hatte er im letzten Spätsommer mit Julian darüber geredet, wie er sich eine Beziehung vorstellte. Doch er hatte dabei nur an sich gedacht, nicht an den attraktiven Jungen neben sich. Der hatte das natürlich bemerkt und war stinksauer abgezogen. Seitdem hatten sie sich nicht mehr gesehen, obwohl das Internat, in dem Julian bestimmte immer noch lebte, nur ein paar Kilometer entfernt lag.

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David verfluchte sich, dass er sich damals so bescheuert verhalten hatte. Sie hatten geneinsam eine so schöne Zeit in Schweden verbracht – alles hatte darauf hingedeutet, dass aus ihnen beiden mehr hätte werden können. Aber David hatte es verbockt. Seine Versuche, mit Julian noch mal Kontakt aufzunehmen, waren in den Wochen danach gescheitert. In gewisser Hinsicht konnte David ihn verstehen. Wer wollte schon eine heimliche Beziehung und ein ewiges Versteckspiel spielen? Dafür hatte er sich den Falschen ausgesucht. Aber vergessen hatte er Julian seitdem nicht mehr.
David streckte den Rücken durch. Er musste seine Sehnsucht jetzt für eine Weile zur Seite schieben. Er hatte ein Gespräch zu führen. Und wenn er ehrlich zu sich war, dann war er ziemlich aufgeregt. Andere Chancen hatte er hier in der Gegend nicht. In den letzten Monaten hatte er sich umgehört, um eine Arbeit zu finden. Natürlich suchten die Bauern der Region immer nach Hilfskräften. Aber David konnte sich nicht vorstellen, in einem Stall zu arbeiten oder bei der Weinlese zu helfen. Alexander würde ihm vermutlich sofort einen Job vermitteln. Aber David wollte lieber im Service arbeiten, anstatt bei Wind und Wetter mit dem Trecker über einen verdreckten Hof zu kurven. Also sollte er sich jetzt von seiner charmantesten Seite zeigen.
Er umfasste fest die Lenker seines Fahrrads und schwang sich wieder auf den Sattel. Zwei Minuten später fuhr er auf den Hof des Landgasthofs. Das Gebäude war sicherlich zweihundert Jahre alt. Die Holzbalken waren verwittert und verströmten den angenehmen Charme eines familiengeführten Betriebs. An die Gaststätte war ein für die Umgebung eigentlich viel zu schickes Hotel angeschlossen, doch offenbar gab es genug Gäste, die bereit waren, die gesalzenen Preise zu zahlen. Die Auffahrt war mit hellem Kies bestreut, alte landwirtschaftliche Gerätschaften, deren ursprüngliche Funktion David nicht kannte, waren auf den Vorplatz aufgestellt und mit üppig blühenden Geranien geschmückt. Alle das erweckte den Eindruck von Gastfreundlichkeit.
David stellte sein Rad neben einem alten Stall ab, in dem längst keine Tiere mehr gehalten wurden, und ging gemächlich auf den Haupteingang des Gebäudes zu. Er war schon oft hier gewesen, denn dies war die einzige Gaststätte in der Umgebung von zwanzig Kilometern und wenn er sich mit seinen wenigen Kumpels auf ein Bier treffen wollte, blieben ihnen nicht viele andere Möglichkeiten.
Er zog die schwere Tür auf und tauchte in die Gemütlichkeit des Landgasthofes ein. Rechts befand sich der Empfang des Hotels, der gerade nicht besetzt war, und links ging es in den Gastraum. David war einen Moment lang unschlüssig, ob er die Klingel auf dem Tresen bedienen sollte oder besser nachsah, wer gerade hinter der Theke arbeitete. In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Gastraum und Timo, einer der Angestellten, mit dem er schon viele Abende trunken an der Bar verbracht hatte, stürmte heraus.
»Dann mach deinen Scheiß doch alleine!«, fluchte er und stoppte, als er David bemerkte. »Was machst du denn hier?«, fragte er erstaunt. Dann brach er plötzlich in Lachen aus. »Du bist das! Konrad hat gesagt, dass sich heute ein neuer Kollege vorstellt.« Er schlug David freundschaftlich auf die Schulter. »Dann viel Spaß mit dem alten Griesgram. Der hat beschissene Laune und wird dich beim Lohn in Grund und Boden handeln. Zwölf Euro, sag ich dir. Nichts drunter!«
Timo schob die Außentür auf und verschwand im hellen Licht des Tages. Na großartig, dachte David. Da hatte er ja offenbar den richtigen Moment erwischt. Er öffnete die Tür zum Gastraum und stand Konrad direkt gegenüber.
»Dann verzieh dich doch!«, blaffte der ihn an, bevor er stutzte und David erkannte. »Dieser Idiot versucht mich seit Monaten zu bescheißen. Aber das lasse ich nicht mit mir machen!«
Er wandte sich um und ging auf die Theke zu. Als David ihm nicht sofort folgte, sah er ihn fragend an.
»Willst du da Wurzeln schlagen oder hier arbeiten?«
Also setzte sich David in Bewegung und da ihm kein anderer Sitzplatz angeboten wurde, setzte er sich auf einen der im Boden festgeschraubten Barhocker. Konrad umrundete den Tresen, stemmte sich mit den Armen auf die Ablage und fixierte David. Alles in diesem Raum war alt. Aber nicht heruntergekommen alt, sondern rustikal und antik. Die Tische standen sicherlich schon seit hundert Jahren hier, die Stühle vermutlich nur wenig kürzer. Auf dem Boden lagen helle Dielen, denen man ansah, dass sie vor nicht allzulanger Zeit abgeschliffen worden waren. Die Wände waren mit Kupferstichen mit Motiven der Region geschmückt. Und das dunkle Holz der Theke hätte sicherlich ausführliche Geschichten erzählen können, wenn ihr nur mal jemand das Sprechen beigebracht hätte.
»Du willst hier also arbeiten?«
David nickte.
»Kannst du auch sprechen oder muss man dir die Worte aus dem Mund ziehen?«
David schluckte. »Ja, also, ich würde hier wirklich gerne arbeiten. Ich kenne deine Gaststätte ja auch ganz gut und weiß …«
»Du bist nicht zum Saufen hier, das ist dir doch klar, oder?«, unterbrach Konrad ihn. »Ich kriege das ziemlich schnell mit, wenn einer meiner Angestellten versucht, mich zu beklauen. Bier kostet Geld. Auch für mich.«
»Wenn ich arbeite, trinke ich nie!«, erwiderte David entrüstet. »Man muss nüchtern sein …«
»Nie?«, fragte der Wirt skeptisch. »Was ist, wenn einer der Gäste dir ein Bier ausgibt? Lehnst du das dann ab?«
David hatte den Eindruck, von den Augen vor sich durchbohrt zu werden. Klar, das war eine Fangfrage.
»Ich würde erst mal versuchen, den Gast zu einer Cola für mich zu überzeugen.«
»Nicht alle unserer Gäste verstehen das. Für den einen oder anderen ist das schon ein Affront.«
»Ich kenne mich mit Menschen eigentlich ganz gut aus«, sagte David betont ruhig. »Und ich kann sehr überzeugend sein.« Er lächelte.
Konrad nickte mürrisch.
»Hast du Gastro-Erfahrung?«
»Ich hab mal bei der Hochzeit einer Freundin …«
»Du weißt über unsere Gäste Bescheid?« Konrad sah ihn herausfordernd an und bevor David etwas erwidern konnte, fuhr er schon fort: »Das Internat kennst du vermutlich. Reiche verzogene Kinder. Die Eltern kommen hin und wieder zu Besuch. Und weil die natürlich nicht im Internat untergebracht werden können, kommen die dann zu uns. Die haben hohe Ansprüche und denen werden wir gerecht. Immer und ohne Ausnahme.« Konrad verdrehte die Augen. »Und dann ist da noch der Graf von Lehengrund zu Schallenberg. Ohne den geht hier in der Gegend nichts. Seine Geschäftsfreunde gehören ebenfalls zu unseren Gästen.« Er fixierte David. »Kapiert?«
David nickte zögernd, wusste aber nicht, was er dazu sagen sollte.
»Frühaufsteher?«
»In der Praxis habe ich zwar meist erst um neun angefangen, aber …«
»Morgen früh. Punkt sechs. Wir haben gerade zwar nicht viele Gäste, aber die müssen trotzdem frühstücken. Alina wird dir alles zeigen.«
Damit schien für Konrad das Gespräch beendet zu sein und er wandte sich ab, um in die Küche hinter dem Gastraum zu gehen.
»Äh, wie ist das mit dem Gehalt?«, fragte David zögerlich.
Konrad verharrte in der halbgeöffneten Tür. Ohne den Kopf zu drehen, fragte er: »Geld! Alle wollen immer Geld von mir.« Er schnaufte entnervt. »Acht Euro. Plus Trinkgeld.«
»Die anderen hier kriegen zwölf.«
»Du bist neu. Du hast keine Routine. In der ersten Zeit wird es mich mehr kosten, dich hier arbeiten zu lassen, als dass ich daran was verdiene. Neun. Keinen Cent mehr!«
Konrad drückte die Pendeltür ganz auf und stapfte in die Küche. Hinter ihm schwang die Tür einen Moment lautlos hin und her.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das dritte Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare.

David hat seinen Job gewechsel. Weg von der Pysiotherapie, rein in die Gastronomie. Ob das eine schlaue Entscheidung war? Und Julian kriegt er offenbar auch nicht aus dem Kopf? Was glaubst du, wie er damit klarkommen wird?

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