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Dorfidylle - Der Fortsetzungsroman

Dorfidylle # 04

Hochsitz.

Erschöpft verließ David den Brüllenden Bullen und schob sein Fahrrad auf die menschenleere Dorfstraße. Er war zufrieden mit sich, weil er den Job bekommen hatte. Aber er ärgerte sich auch über den von Konrad festgelegten Stundenlohn. Das war wirklich mickrig wenig und er würde sich einschränken müssen, zumindest wenn er irgendwann einmal bei seiner Mutter ausziehen wollte.

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Von Westen zog eine Regenfront auf ihn zu, aber er wollte jetzt nicht nach Hause gehen. Denn er war sich sicher, dass es seiner Mutter noch nicht besser ging. Er brauchte jetzt einen Moment für sich allein. Also schwang er sich auf sein Rad und radelte auf den Wald zu. Der drohende Regen war ihm egal, später würde er sowieso noch zum Tischtennistraining gehen und musste danach duschen. Außerdem konnte er sich im Wald unterstellen, wenn es zu ungemütlich wurde.
Er überquerte nach einem Kilometer die Autobahn, die die Landschaft in zwei Hälften schnitt, bog in einen Waldweg ab und sog den Duft des nahenden Frühlings tief in seine Lungen ein. Auf einer freien Fläche konnte er in der Entfernung das Dach des Internats ausmachen, entschied sich aber, einen großen Bogen um die Einrichtung zu machen und keuchte, als er einen steilen Abhang hochfuhr.
Plötzlich tauchte vor ihm der Hochsitz auf, den er erst einmal bestiegen hatte. David bremste und ließ sein Fahrrad auf den Waldboden fallen. Prüfend umrundete er die Konstruktion, die ursprünglich für Jäger gebaut, aber offenbar seit Jahren nicht mehr genutzt worden war. Erinnerungen schossen ihm durch den Kopf. Der Nachmittag vor ein paar Monaten, als er Julian hier getroffen und ihm das Angebot gemacht hatte. Die körperliche Nähe, die er mit Julian erlebt hatte. Die Zurückweisung. Und nicht zuletzt seine Sehnsucht nach ihm. Wieso hatte David sich damals bloß so bescheuert verhalten?
Als es im Wald hinter ihm knackte, wirbelte er erschrocken herum und einen Moment lang glaubte er, Julian wäre hier. Aber er hatte sich getäuscht. Ein Reh sprang aus der Dämmerung des Waldes heraus und rannte über die Wiese unterhalb des Hochsitzes. Warum sollte Julian hier auch gerade jetzt auftauchen? Er konnte ja nichts davon wissen, wo David war. Außerdem hatte Julian sehr deutlich gemacht, dass er auf einen Kontakt mit David keinen Wert mehr legte.
David legte die Hände an die Leiter und blickte nach oben. Die Sprossen waren mit Moss bedeckt und wirkten glitschig. Trotzdem setzte er den rechten Fuß auf die unterste Leiste und stieg vorsichtig in die Höhe. Oben sah noch alles so aus wie beim letzten Mal. In der Ecke lag eine Decke, die Dose mit den Keksen war noch da. Und die auch der kleine Holzkasten mit den Büchern wirkte unberührt. Blätter vom letzten Herbst und der Staub des Winters überdeckten alles. David hatte den Eindruck, dass seit seinem letzten Besuch auf diesem Hochsitz niemand mehr hiergewesen war. Dabei hatte Julian doch erzählt, dies sei sein Rückzugsort, wenn er es im Internat nicht mehr aushielt und allein sein wollte.
David stellte sich an die Brüstung und ließ den Blick über die Wiese und die dahinter wuchernden Wälder schweifen. Erneut sog er den Geruch des Waldes ein. Der Frühling machte sich allmählich breit, an den Laubbäumen zeigten sich die frischen Knospen und hellgrüne Blätter drängten ans Licht. Noch war es kühl, doch wenn der Mai in ein paar Tagen begann, dann würde es bestimmt auch endlich wärmer werden. David sehnte sich nach Sonne und Wärme wie selten zuvor.
Er blieb auf dem Hochsitz, bis sich irgendwann seine Blase meldete. David atmete tief durch und wäre lieber hier oben geblieben, etwas abgehoben über der Welt, auf dem Beobachtungsposten, anstatt wieder in die Realität herabzusteigen, die ihm im Moment viel zu viele Veränderungen einbrockte. Beim Abstieg schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, all seine Entscheidungen der vergangenen Tage wieder rückgängig zu machen. Doch als er den weichen Waldboden unter seinen Schuhen spürte, wurde ihm klar, dass dieser Gedanke Mist war. Er hatte sich entschieden. Und das war gut so.

Im Haus war es still. David stand eine Weile mit dem Schlüssel in der Hand im Flur und lauschte. Von seiner Mutter war nichts zu hören. Vielleicht schlief sie. Oder war weggegangen. Obwohl sie das eigentlich nie tat, es sei denn, sie musste in den Supermarkt oder zum Arzt. Und selbst dann kam David in der Regel mit. Allein konnte sie das noch nicht.
»Mama?«, rief er halblaut ins stille Haus hinein.
Aus der Etage über ihm hörte er tapsende Schritte. Seine Mutter erschien am oberen Treppenabsatz und sah zu ihm herab.
»Wie ist es gelaufen?«, fragte sie und David meinte in ihrer Stimme ein leichtes Zittern zu hören.
»Ich fange morgen an«, sagte David.
Seine Mutter nickte nur und schlurfte in ihr Zimmer zurück.
David streifte sich die Schuhe von den Füßen und hängte seine Schlüssel an das Schlüsselbrett mit der kleinen Figur des Heiligen Antonius. Er verbrachte den Rest des Tages im Garten und scrollte durch die Instagram-Profile seiner Freunde in Berlin. In der Hauptstadt schien alles beim Alten. Seine Freunde cruisten durch die Stadt, gingen auf Partys und posteten jeden ihrer Schritte für den Rest der Welt. Er selbst hatte seit einem halben Jahr kein neues Bild mehr in sein Profil eingestellt, konnte sich aber auch nicht dazu durchringen, seinen Account zu löschen. Nicht solange er zumindest auf diesem Weg noch an seinem alten Leben teilhaben konnte. Wenn er noch in Berlin leben würde, dann würde er vermutlich irgendwas studieren. Nicht, weil ihn ein Studium besonders reizte, sondern eher, weil ihn das Leben, das er damit verband, anzog.
Er checkte auch das Profil von Julian. Das tat er fast täglich, seit sie sich nicht mehr sahen. Doch das Ergebnis war immer das gleiche: keine Fotos von Julian, nichts, was Genaueres von seinem Leben erzählte, sondern kurze Buchrezensionen, hin und wieder ein Detail vom alten Gemäuer des Internats oder ein Blick über die Landschaft, vermutlich aus seinem Fenster geschossen. David hätte gerne Julians Gesicht mal wieder gesehen. Er hatte es natürlich immer noch im Kopf und wenn er die Augen schloss, dann stand Julian wieder von ihm. Julian in Schweden in seiner Hängematte, Julian auf dem Fahrrad, Julian mit zerstrubbelten Haaren im Bett. Und auch Julian auf dem Steg, wie er mit verzweifeltem Gesichtsausdruck dem Kanu nachstarrte, in dem David saß. Bis zu diesem Moment, nein, bis fünfzehn Minuten vorher, hatte sich alles genau richtig angefühlt. Dort oben in Schweden hatte sich David zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen geborgen gefühlt. Und doch hatte er die ganze Zeit genau gewusst, dass auch dieses Gefühl vorüberziehen würde, so wie alles endete, was er liebte. Er hatte versucht, den Gedanken an den Abschied zu verdrängen, und manchmal war ihm das sogar gelungen. Doch das hatte nicht darüber hinwegtäuschen können, dass der Aufbruch immer näher gerückt war. David stöhnte. Er hatte das Ganze so was von verbockt.
Als er auf die Uhr sah, sprang er auf. Beinahe hätte er das Training vergessen. Schnell suchte er seine Klamotten zusammen, fand den Tischtennisschläger unter seinem Schreibtisch auf dem Fußboden, rief seiner Mutter zu, dass er zum Sport ging, und schwang sich auf sein Fahrrad, das draußen an der Hauswand lehnte. Im Gegensatz zu Berlin musste er hier das Rad noch nicht einmal abschließen, weil in diesem Dorf angeblich noch nie ein Fahrrad geklaut worden war. Er raste den Schotterweg vor dem Haus entlang, bog in die Hauptstraße ein und erreichte die Sporthalle kurz vor Beginn des Trainings.
Vor der Halle standen die anderen und Kristin sah ihn entsetzt an. David stöhnte. Damit hätte er rechnen können. Jetzt war es für eine Umkehr zu spät.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das vierte Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare.

David hat wirklich eine Menge Zeug um die Ohren. Der neue Job, die kranke Mutter und die immer wiederkehrenden Gedanken an Julian. Was sollte er deiner Meinung nach tun? Sollte er doch wieder Kontakt zu Julian aufnehmen?


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Eine Antwort auf „Dorfidylle # 04“

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