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Dorfidylle - Der Fortsetzungsroman

Dorfidylle #06

Frühstück im Hotel.

Die Sonne arbeitete sich gerade erst über den Horizont, als David am nächsten Morgen von seinem Wecker aus dem Schlaf gerissen wurde. Schon lange war er nicht mehr so früh aufgestanden, denn in der Physiotherapie-Praxis hatte er erst um halb neun mit der Arbeit begonnen. Doch obwohl ihm diese frühe Zeit nicht passte, freute er sich darauf, den lange herausgeschobenen Neuanfang endlich umzusetzen. Außerdem hatte er diese Nacht keinen Albtraum gehabt und er deutete das als ein gutes Vorzeichen für die Dinge, die ihn heute erwarteten.

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Eine dreiviertel Stunde später stand er in der frischen, noch etwas kühlen Morgenluft vor der Seitentür des Brüllenden Bullen und wartete auf die Kollegin, die ihn in die Vorbereitung des Frühstücks einweisen sollte. David kannte Alina vom Sehen. Sie kam aus einem der Nachbardörfer und war knapp fünfzehn Jahre älter als er. Sie arbeitete manchmal in der Gaststätte hinter der Theke, daher hatte er sich an dem ein oder anderen Abend schon mit ihr unterhalten.
»Ach du bist das!«, sagte sie amüsiert, als sie aus ihrem Auto stieg und auf ihn zu kam. »Konrad hat mir nur gesagt, dass mir heute ein neuer Kollege beim Frühstück helfen wird.« Sie schloss die Tür auf und ließ David herein. »Aber ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen.«
Sie zeigte ihm, wo er seine Sachen ablegen konnte, führte ihn kurz durch die Wirtschaftsräume von Hotel und Gastwirtschaft, bevor sie ihn zum Bäcker drei Straßen weiter schickte, wo er die bestellten Brötchen abholen sollte.
»Aber beeil dich«, sagte sie. »Wir haben eine knappe Stunde, um alles vorzubereiten.«
Also marschierte David los und war acht Minuten später mit drei Tüten voller Gebäck zurück.
»Viel ist das ja nicht«, meinte er und blickte in die Tüten. »Reicht das für alle Gäste?«
Alina lachte glucksend. »Keine Sorge, das reicht. Im Moment sind nicht so viele Gäste im Hotel. Acht Leute glaube ich. Fast alles Vertreter. Die erkennst du sofort. Ein Ehepaar ist auch dabei. Die machen hier Urlaub. Aber die essen nur Müsli und Obst.«
Sie sagte David, wo die Platten für den Aufschnitt verstaut waren und wie viel Käse und Wurst er darauf verteilen sollte.
»Woran erkennt man die Vertreter?«, erkundigte sich David.
»Die sitzen immer allein, lesen Zeitung und tragen Anzug und Krawatte. Die Urlauber sind lockerer angezogen und breiten spätestens beim zweiten Kaffee die Wanderkarten auf dem Tisch aus.«
Während David das Obst klein schnitt und parallel darauf achtete, dass die nicht mehr ganz funktionstüchtige Industriekaffeemaschine nicht überlief, rannte Alina hin und her und trug alles fürs Frühstück in den Gastraum.
»Heute ist Donnerstag, oder?«, fragte sie im Vorbeigehen. David nickte. »Dann wirds ab morgen Nachmittag voll.« Alina nahm sich eine Tasse Kaffee, lehnte sich an die Arbeitsfläche neben David und steckte sich eine Zigarette an. »Am Wochenende ist Tag der offenen Tür im Internat. Da kommen all die Eltern mit ihren missratenen Sprösslingen, die sie gerne hier zu uns abschieben wollen. Und weil der Bulle das einzige Hotel in der Umgebung ist, sind wir ausgebucht.« Sie inhalierte tief. »Ein wirklich lohnendes Geschäft für Konrad.«
Sie fixierte David, der gerade mit einer Honigmelone leicht überfordert war, drückte die Zigarette aus und nahm ihm das Messer aus der Hand. Mit schnellen Bewegungen teilte sie die Melone in mundgerechte Stücke, ohne das kleinste Fitzelchen der harten Schale zu übersehen.
»Die Kids im Internat werden doch bestimmt nicht alle abgeschoben«, sagte David nachdenklich. »Es gibt ja viele Gründe, warum man auf ein Internat geht.«
Erneut lachte Alina. Sie drückte ihm das Messer wieder in die Hand und zeigte auf die Birnen und Äpfel, die noch darauf warteten, klein gehackt zu werden.
»Und welche Gründe sollen das sein?«, fragte sie.
»Wenn die Eltern viel unterwegs sind, zum Beispiel.«
David dachte an Julian und ihm fiel auf, wie distanziert der von seinen Eltern gesprochen hatte. Er erinnerte sich auch an die mitgehörten Telefonate, insbesondere den Anruf des Vaters zu Julians achtzehntem Geburtstag, der genau in die Zeit gefallen war, als sie gemeinsam in Schweden waren. Julian hatte dabei alles andere als glücklich gewirkt.
»Dann sag mir, warum Menschen Kinder kriegen, wenn sie eigentlich keine Zeit für sie haben?«
David wollte einfach nicht glauben, dass es wirklich Eltern gab, die ihre Kinder in ein Internat abschoben. Wenn er allerdings genauer darüber nachdachte, passte das zumindest zu Julians Familiengeschichte perfekt.
»Das ist doch schräg«, sagte er und unterbrach seine Arbeit für einen Moment. »Da kriegen die Leute Kinder, um erst danach festzustellen, dass die nicht in ihr Lebenskonzept passen. Warum machen Menschen so was?«
Alina deutete mit dem Kopf auf die immer noch wartenden Birnen und goss den Kaffee in glänzende Thermoskannen.
»Du wirst hier im Hotel viele Menschen treffen, die nicht deiner Vorstellung von sozialem Miteinander entsprechen. Ich weiß nicht viel von dir, aber immerhin habe ich dich ein bisschen kennengelernt, wenn du an der Theke gestanden hast. Betrunkene reden gerne.«
Sie kicherte leise in sich hinein. Und David fragte sich sofort, was er Alina wohl alles im angetrunkenen Zustand erzählt hatte. Genau erinnern konnte er sich nicht mehr daran. Dafür waren diese Situationen auch zu häufig vorgekommen.
»Hab ich mich peinlich benommen?«, erkundigte er sich vorsichtig.
Alina winkte ab. »Du hast mir noch gar nicht erzählt, warum du jetzt hier arbeitest. Hast du deinen alten Job verloren?«
David erzählte in wenigen Worten von seinen Erfahrungen der letzten eineinhalb Jahre in der Praxis und dem Wunsch nach einem Neuanfang. Alina hörte ihm aufmerksam zu, während sie Geschirr und Lebensmittel in den Gastraum trugen.
»Bist du dir sicher, dass es eine gute Idee ist, diesen Job hier als einen Neuanfang zu bezeichnen«, fragte sie ihn schließlich nachdenklich, schob ihn dann aber zügig in die Küche, bevor er antworten konnte. Die ersten Gäste waren zum Frühstück gekommen.

Sie arbeiteten bis halb elf ohne Pause. Auch wenn nicht viele Gäste im Hotel abgestiegen waren, gab es trotzdem immer genug zu tun. Und vor allem warnte Alina ihn davor, zu offensichtlich längere Pausen zu machen, denn Konrad konnte jeden Moment auftauchen und wenn er merkte, dass sie nicht arbeiteten, würde er den Personalplan radikal zusammenstreichen.
»Der spart, wo immer er etwas zum Sparen findet«, sagte sie und wies mit dem Gesicht durch das Fenster in den Hof, wo Konrad gerade aus seinem Auto stieg. »Wenn man vom Teufel spricht …«
»Aber du arbeitest doch schon seit Jahren hier«, sagte David. »Und offenbar hat er deine Stelle nicht eingespart.«
Er erhielt jedoch keine Antwort mehr von Alina, weil ihr Chef in diesem Moment zur Tür hereinkam.
»Ist Anastasia noch nicht da?«, fragte er schlecht gelaunt und knallte die Tür hinter sich zu. »Um zwölf kommt der Graf und dann muss hier was Vernünftiges auf dem Tisch stehen.« Konrad warf einen kritischen Blick auf die Reste des Frühstücks, die David und Alina gerade in die Küche geräumt hatten. »Die kann man noch mal nehmen!«, stauchte er David zusammen, der gerade eine Scheibe Gouda mit angetrocknetem Rand in den Müll werfen wollte. Konrad griff nach einem Messer, schnitt die trockenen Ränder ab und legte sie in eine Metallschale. »Die Scheibe kommt zurück in den Kühlschrank und die Kanten kann Anastasia zum Überbacken von irgendwas benutzen.« Mit dem Messer in der Hand baute er sich vor David auf. »Wenn ich das noch mal sehe, ziehe ich dir das vom Lohn ab.«
Hinter Konrad sah David Alina demonstrativ die Augen verdrehen. Folgsam nickte er und schien Konrad damit zufriedengestellt zu haben. Der wandte sich jetzt zu Alina herum.
»Anastasia ist gerade gekommen«, sagte sie und zeigte mit dem Finger aus dem Fenster. »Sie schließt nur noch ihr Fahrrad ab. Wenn du ihr eine halbe Stunde mehr bezahlen würdest, hätte sie auch nicht so einen Stress vor dem Mittagessen.« Konrad wollte ihr ins Wort fallen, doch Alina redete einfach weiter: »Und wenn es dir so wichtig ist, dass Harald hier was Angemessenes zwischen die Zähne kriegt, dann solltest du auch die passenden Lebensmittel dafür kaufen. Nicht nur dieses Convenience-Zeug. Irgendwann kriegt der das spitz und ich weiß nicht, ob er dann noch seine Geschäftskunden hier unterbringt.«
David hörte Konrad genervt schnaufen. Ihm war klar, dass Alina ihrem Chef gerade eine volle Breitseite gegeben hatte. Und der schien darüber alles andere als erfreut zu sein. Außerdem hatte er gerade etwas sehr Relevantes über die in dieser Region so hochgelobte Küche des Brüllenden Bullen gelernt: Offenbar wurde hier bei Weitem nicht so frisch gekocht, wie alle dachten.
Und tatsächlich schleppte Anastasia, die für die Küche im Mittagsbetrieb zuständig war und von Konrad bloß einen mürrischen Blick, aber keinen Rüffel erhielt, kurz darauf geschälte Kartoffeln, Fertigsoßen und bereits panierte Schnitzel in die Küche und trieb David an, endlich die Reste des Frühstücks wegzuräumen. Die trockenen Käsekanten warf sie mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck in den Müll.
»Wenn die Gäste wüssten, wie Konrad seine Küche wirklich betreibt, würde kaum noch einer kommen«, sagte Alina, als sie David endlich für eine kurze Pause in den Hof hinter dem Hotel gelotst hatte. »Und glaub mir: Der macht echt ein gutes Geschäft, indem er diese Fertiggerichte als Spitzenküche verkauft. Die meisten Leute schmecken den Unterschied sowieso nicht. Aber sie kriegen was anderes, als sie bestellt haben.« Sie steckte sich eine Zigarette an. »Wenn ich wollte, könnt ich den hochgehen lassen.«
David war ein wenig desillusioniert von der Realität in dieser Hotelküche. Auch bei der Vorbereitung des Frühstücks war ihm schon aufgefallen, dass Alina das Rührei zwar in einer großen Pfanne gebraten hatte, aber sie hatte dazu einfach einen Tetrapack aufgeschnitten und die Eimasse ausgekippt.
Er schloss einen Moment lang die Augen, weil er von der ungewohnten Arbeit ziemlich erschöpft war. Doch sofort blitzte die Erinnerung an den Traum, den er vorletzte Nacht gehabt hatte, durch sein Hirn. Für einen Sekundenbruchteil sah er den Baum erneut auf sich zurasen. Schnell öffnete er die Augen wieder.
»Dieser Graf«, sagte er dann nachdenklich. »Was ist mit dem eigentlich? Konrad klang ja fast so, als hätte er Angst vor dem.«
Fragend sah David zu Alina herüber, die mit ebenfalls geschlossenen Augen an die Hauswand gelehnt rauchte und sich die Sonne ins Gesicht scheinen ließ. Ein Schmunzeln zog sich über ihre Lippen. Sie nahm noch einen Zug und drückte die Kippe dann aus.
»Dem gehört hier alles«, sagte sie.
»Was meinst du mit alles?«, erkundigte sich David erstaunt. »Der Gutshof?«
Alina schüttelte den Kopf. »Mit alles meine ich alles.« Sie breitete die Arme aus. »Das Hotel, die Gaststätte, die Wiesen und die Wälder da hinten. Die meisten der Weinhänge in dieser Gegend. Alles.«
»Alexanders Vater hat eigenen Wein«, warf David ein. »Du kennst Alexander doch, oder?«
Alina nickte. »Wer kennt Alexander nicht?« Sie zwinkerte ihm zu.
Heiß schoss David das Blut ins Gesicht. Niemand wusste, woher er Alexander kannte und was die beiden miteinander verband. Alinas Zwinkern brachte ihn ein wenig aus dem Konzept und er fragte sich sofort, ob er ihr im angetrunkenen Zustand schon einmal von ihm erzählt hatte.
»Ich meine …«, stammelte er. »So weit ich weiß, hat sein Vater eigene Weinhänge.«
»Die Gratners gehören zu den wenigen Familien, die sich gegen die Kaufwut des Grafen bislang erfolgreich zur Wehr gesetzt haben. Das stimmt. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt.« Alina legte den Kopf schief, als sie David eingehend ansah. »Und wie kommst du gerade auf Alexander?« Sie grinste.
»Ich habe ihn hier mal auf dem Weinfest kennengelernt.«
Alina nickte langsam und verstehend. »Kennengelernt.« Sie malte Gänsefüßchen in die Luft.
David zog es vor, ihre Bemerkung nicht zu kommentieren. Er wollte sich nicht gleich am ersten Tag zu weit aus dem Fenster lehnen. Er kannte Alina ja im Grunde gar nicht richtig.
»Also der Graf«, fuhr sie nun mit ihrem Bericht fort, »dem gehört hier also alles. Klar so weit?« David nickte. »Wenn der keinen Bock mehr auf Konrad hat, dann schmeißt er ihn einfach raus. Das Hotel ist schließlich nur gepachtet. Und dann kriegt Konrad hier in der ganzen Region keinen Fuß mehr an die Erde, denn der Graf hat überall seine Finger drin. Mit dem musst du dich gut stellen. Egal, was passiert.«
David zuckte mit dem Schultern. »Ich werde dem vermutlich nie begegnen.«
Alina lachte laut auf. »Das hat sich ab heute dramatisch geändert. Indem du hier arbeitest, wirst du dich wohl daran gewöhnen müssen, dem Grafen immer wieder über den Weg zu laufen.«
»Aber mir kann der ja nichts«, warf David ein.
»Du solltest einfach nur wissen, dass der Mann ein wenig launisch ist. Nach dem, was der damals durchgemacht hat, bringt den nichts mehr aus der Fassung.«
»Was meinst du mit durchgemacht? Sprichst du von dem Unfall?«
Dunkel erinnerte sich David, dass Tomas berichtet hatte, die Frau des Grafen sei bei dem Unfall damals ums Leben gekommen. Alina nickte und zog sich noch eine Kippe aus ihrer Schachtel.
»Wusstest du, dass seine Frau schwanger war, als sie in diesem Autowrack gestorben ist?«
David schüttelte überrascht den Kopf.
»Und der Sohn seiner Schwester, also sein Neffe, der ist in der Unfallnacht zur Waise geworden.«
»Ich wusste nicht mal, dass er einen Neffen hat.«
»Auch dem wirst du über den Weg laufen. Angeblich ist der bei seiner Tante in London rausgeflogen und zu unserem Grafen abgeschoben worden. Ist noch nicht lange her. Ein paar Wochen vielleicht. Jetzt schmachten ihn die Mädchen hier im Dorf alle sehnsüchtig an, denn immerhin ist er der Alleinerbe des Grafen und wenn der irgendwann mal stirbt, dann ist Georg ein reicher Mann.« Alina zog an ihrer Kippe. »Und er sieht verdammt scharf aus.« Sie zwinkerte David schon wieder zu.
»Dann schmeiß dich doch an ihn ran«, sagte David und spürte erneut das Blut in seinem Gesicht pulsieren. »Du siehst doch auch toll aus.«
»Danke für das Kompliment«, erwiderte Alina und verschluckte sich beinahe am Rauch. »Aber erstens bin ich für den ein paar Jahre zu alt. Zum anderen …« Sie winkte ab. »Ach, das merkste schon selbst.« Sie trat die Kippe aus und wies auf die Tür zur Küche: »Wir sollten mal wieder rein.«

Harald Graf von Lehengrund zu Schallenberg rauschte um fünf nach zwölf durch die Tür in die Gaststätte. David hielt sich zu diesem Zeitpunkt hinter der Bar auf und polierte die Weingläser, an denen er nicht den kleinsten Fleck entdecken konnte. Da Konrad aber felsenfest davon überzeugt war, dass sie dringend noch einmal mit einem weichen Tuch behandelt werden müssten, tat David, was der Chef von ihm verlangte. Seine durchaus langweilige, wenn auch etwas meditative Tätigkeit gab ihm allerdings die Gelegenheit, dem Gespräch zwischen dem Grafen und Konrad zu lauschen.
Konrad schnippte mit dem Finger zu David herüber und raunte halblaut: »Mouton Rothschild!«
David hatte fast keine Ahnung von Wein, aber er meinte, einmal davon gehört zu haben, dass dieser Wein ziemlich teuer war. Er drehte sich ratlos um und scannte die Flaschen hinter sich nach dem Namen ab. Aber er fand kein Etikett, dass auch nur annähernd dem entsprach, wie er den Namen des Weingutes buchstabieren würde.
»Nimm die hier«, sagte Alina, die plötzlich neben ihn trat und ihm eine Flasche reichte. Sie warf einen prüfenden Blick zu Konrad und dem Grafen hinüber und flüsterte dann: »Da ist natürlich ein anderer Wein drin. Hab ich gerade noch in die leere Flasche umgefüllt.« Als David erstaunt die Augenbrauen hochzog, kicherte Alina. »Der Graf merkt das nie im Leben. Und du glaubst doch nicht, dass Konrad einen Wein für mehrere Hundert Euro ausschenkt.«
»Aber die Flasche ist verkorkt«, bemerkte David.
»Na klar ist die verkorkt. Hab ich grad mit einem Nudelholz zugekloppt. Sonst denkt der Graf noch, er würde betuppt.« Sie kicherte leise.
Alina drückte ihm noch schnell die Rotweingläser in die Hand, als er nach den Weißweingläsern greifen wollte, dann zog David mit der gefälschten Flasche ab. Am Tisch entkorkte er sie und goss Konrad und seinem Gast die Gläser bis zum Rand voll.
»Wir werden das so richtig groß aufziehen«, sagte der Graf gerade, als David ihm den Wein einschenkte. »Der Junge ist faul und völlig unfähig. Meine Schwester hat mir aus London Geschichten erzählt, wo der sich überall herumgetrieben hat – ich würde mich in Grund und Boden schämen.«
David zog sich langsam wieder zurück, hielt aber die Ohren weiter offen. Denn offenbar ging es um den gut aussehenden Neffen des Grafen.
»In zweieinhalb Wochen wird der Junge Einundzwanzig. Für mich ist das immer noch das Alter, in dem ein Mann volljährig wird, ganz egal, was das Gesetz sagt. Ich erwarte etwa hundert Gäste. Und ich will ein üppiges Buffet. Mit allem Pipapo. Kriegst du das hin?«
Beinahe schon unterwürfig bestätigte Konrad, dass er das selbstverständlich schaffen würde, und begann, einzelne Speisen aufzuzählen, die er servieren könnte. Doch der Graf winkte genervt ab.
»Verschon mich mit den Details. Es darf nur an nichts fehlen! Ich habe einige Gäste dabei, die nur das Beste gewohnt sind. Und die sollen meinen nichtsnutzigen Neffen unter ihre Fittiche nehmen und in die Finanzwelt einführen. Dann wird aus dem vielleicht doch noch was.«
Der Graf erhob sich und schritt an David vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. Von dem Wein hatte er nicht einmal genippt. Alina hatte also die richtige Entscheidung getroffen und in diesem Moment verstand David sogar seinen Chef ein bisschen. Der Graf legte es ja geradezu darauf an, betrogen zu werden.
Konrad stürmte auf David zu und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Zweieinhalb Wochen, um ein Büffet für hundert Leute auf die Beine zu stellen!« Er stöhnte. »Gib mir einen Mariacron!«
David schenkte Konrad ein Glas ein, der kippte das Zeug weg und forderte wortlos mehr. Auch das zweite Glas trank der Chef in einem Zug leer. Dann hellte sich seine Miene schlagartig auf und er sah David freudestrahlend an. Er kam um die Bar herum und schlug ihm auf die Schulter.
»Und? Wie gefällt es dir hier?!«, fragte er jovial.
»Gut so weit.«
»Prima. Dann schlage ich vor, dass du den Service auf der Feier übernimmst. Natürlich nicht allein«, fügte er hinzu, als David ihn erschrocken ansah. »Aber federführend. Damit kannst du dich beweisen!«
Er schlug ihm noch einmal kräftig auf die Schulter und zog dann summend ab. Sprachlos sah David ihm nach. Alina kam aus der Küche und schüttelte fassungslos den Kopf.
»Der ist wahnsinnig. Ich meine: Du schaffst das bestimmt. Aber eigentlich sollte das jemand mit Erfahrung machen. Am besten er selbst. Aber aus irgendeinem Grund betritt er das Schloss des Grafen nicht. Zumindest habe ich das noch nie erlebt.«

An diesem Abend sackte David so erschöpft auf seinem Bett zusammen, dass er sich noch nicht einmal bei seiner Mutter erkundigte, wie sie den Tag verbracht hatte. Und auch auf Alexanders Nachricht, ob sie sich heute noch am üblichen Ort treffen sollten, ließ er unbeantwortet. Lediglich seiner Berliner Freundin Veronika schrieb er, dass er sich total freuen würde, wenn sie am Wochenende bei ihm vorbeikäme. Sie hatte per WhatsApp angekündigt, sie könnte auf dem Weg zu einer Weiterbildung am Bodensee bei ihm einen Zwischenstopp einlegen.
Wenn er geahnt hätte, wie unerwartet das Wochenende verlaufen sollte und was die Ereignisse lostreten würden, dann hätte er ihr wohl besser abgesagt.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das sechste Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare.

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