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Dorfidylle - Der Fortsetzungsroman

Dorfidylle #07

Besuch.

Veronika fiel ihm um den Hals, als sie aus dem Zug stieg. Sie hatten sich seit dem Urlaub im letzten Spätsommer nicht mehr gesehen und in der Zwischenzeit lediglich telefoniert und geschrieben. Sie hatten eine Menge nachzuholen. Also brachten sie Veronikas Rucksack zu David nach Hause, plauderten kurz mit seiner Mutter und gingen dann im nahe gelegenen Wald spazieren.

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»Was ist mit deiner Mutter«, fragte Veronika, als sie in den Waldweg einbogen. »Die sieht ehrlich gesagt nicht gut aus.«
David überlegte kurz, wie viel er seiner besten Freundin erzählen konnte, und entschloss sich für die Wahrheit.
»Sie hat Depressionen. Schon lange. Das ist auch der Grund, warum wir aus Berlin hierher umgezogen sind.«
Veronika nickte nachdenklich. »Ich habe mir schon so was gedacht.«
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher und David war sich plötzlich unsicher, ob er Veronika mit dieser Information überfordert hatte. Doch sie begann dann, ihn nach der genauen Situation auszufragen:
»Ist sie in Behandlung? Ich meine: Macht sie eine Therapie? Depressionen sind doch eigentlich ganz gut behandelbar.«
»Sie weigert sich, damit zu einem Arzt zu gehen«, entgegnete David. »Sie ist davon überzeugt, dass sie das alleine hinkriegt, und keine Hilfe braucht.«
»Das ist doch bescheuert!«, regte sich Veronika auf. »Meine Tante ist auch depressiv. Und die hat genauso gedacht. Bis es irgendwann nicht mehr ging und sie für drei Monaten in die Klinik musste, damit sie einigermaßen wieder auf die Beine kam. Heute gehts ihr gut. Aber nur, weil sie regelmäßig zu ihrer Therapeutin geht und Medikamente nimmt.«
David hatte aufgehört, zu zählen, wie oft er seiner Mutter vorgeschlagen hatte, gemeinsam mit ihr zu einer Beratungsstelle oder zum Arzt zu gehen. Er wollte auch eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen, denn schließlich gab es so viel Anderes, worüber er mit Veronika reden wollte. Also zuckte er bloß mit den Schultern.
»Du solltest nicht einfach daneben stehen und nichts tun«, forderte Veronika. »Was ist denn in Berlin passiert, dass ihr deshalb weggezogen seid?«
David seufzte. Er kam um das Thema offenbar nicht herum.
»Sie war schon immer etwas labil. Keine Ahnung, warum. Vielleicht liegt das in der Familie. Eigentlich steht sie regelmäßig kurz vor der Einweisung in eine Klinik. Sie kann wegen der Depression seit Jahren nicht mehr arbeiten. Das war in Berlin schon so. Irgendwann ist das in der Stadt immer schlimmer geworden. Sie ist nicht mehr aus dem Haus gegangen, hat keine Menschen mehr getroffen. Aber sie hat ständig von der schönen Zeit hier im Dorf geschwärmt. Das waren oft die einzigen Momente, in denen sie wirklich aus ihren Tiefs aufgetaucht ist. In der Stadt sind offenbar aus allen Richtungen so viele Eindrücke auf sie eingestürzt, das war einfach zu intensiv für sie. Ich habe ihr deshalb damals vorgeschlagen, umzuziehen. Raus aus der Stadt. Zurück in ihr Dorf, in dem sie alte Schulfreundinnen hatte. Und sie hat sich darauf eingelassen. Das hat aber leider nicht viel gebracht. Zumindest nicht lange.«
Sie erreichten die große Wiese, an deren Rand der Hochsitz stand. Er bog in einen anderen Weg ein, weil er gerade keine Lust auf die Erinnerungen hatte, die mit diesem Ort zusammenhingen. Veronika folgte ihm schweigend, sie wusste ohnehin nichts von der Bedeutung des Hochsitzes.
»Und was ist mit deinem Vater? In Berlin ist der doch hin und wieder noch mal bei euch gewesen.«
»Zu dem habe ich fast gar keinen Kontakt mehr. Er schreibt hin und wieder eine Postkarte von irgendeinem Ort in der Welt. Zum Geburtstag schickt er manchmal Geld. Aber auch nicht immer. Nach meiner Mutter hat er sich seit Jahren nicht mehr erkundigt. Und ich glaube auch nicht, dass die beiden Kontakt haben.«
Veronika schüttelte verständnislos den Kopf. Ihre Eltern waren zwar auch getrennt, trafen sich aber regelmäßig und schienen ein gutes Verhältnis zu haben. David hatte sich immer gewünscht, dass seine Eltern ähnlich miteinander umgehen würden. Aber er hatte die Hoffnung auf eine Verbesserung der Beziehung zwischen seinen Eltern schon lange aufgegeben.
»Ist denn zwischen den beiden irgendwas Dramatisches passiert?«, fragte Veronika weiter. »Oder haben die sich einfach auseinandergelebt?«
Darüber hatte David immer wieder gerätselt. Aber er hat bis heute nie erfahren, was damals wirklich vorgefallen war. Natürlich hat er seine Mutter danach gefragt, doch das hat jedes Mal nur zu Streit geführt. Deshalb hatte er sich mit der Situation abgefunden, auch wenn ihm das eigentlich nicht gefiel.
»Ich weiß nur, dass es in meiner Kindheit etwas gegeben hat, was offenbar zur Trennung geführt hat. Aber ich weiß nicht, was das war. Eine andere Frau vielleicht. Oder ein Mann. Einmal hat meine Mutter Andeutungen gemacht, warum sie mit mir von hier weggegangen ist. Ich bin hier im Ort ja in den ersten eineinhalb Jahren aufgewachsen. Aber offenbar waren meine Eltern zu dem Zeitpunkt schon getrennt. Allerdings hatten sie ein gutes Verhältnis. Und das ist auch schon alles, was ich im Laufe der Zeit aus meiner Mutter herausbekommen habe.«
Sie erreichten die Kuppe eines Hügels, auf der sich die Bäume lichteten und den Blick auf die umgebende Landschaft freigaben. Veronika staunte über das Panorama auf die Weinhänge und Wälder. In der Entfernung waren die glänzenden Dächer des Internats zu erkennen.
»Hier muss es einem doch besser gehen«, sagte Veronika und legte einen Arm um Davids Schultern. »Wenn du in Berlin einen solchen Ausblick haben willst, dann musst du mit den Touris auf den Alex hochfahren. Und dann siehst du meist doch nicht so richtig weit, weil der Dreck in der Luft alles vernebelt.« Sie sah David in die Augen. »Warum kommst du nicht zurück. Wir vermissen dich alle echt. Wir könnten uns zusammen eine Wohnung suchen und eine WG gründen. Kellnern kannst du auch in der Stadt.«
David genoss die Nähe und die reizvolle Vorstellung, die Veronika in ihm heraufbeschwor. Er war wirklich froh, dass sie hier war. Trotz der Schwere, die sich gerade in ihm ausbreitete. Er spürte wieder einmal den zähen Klumpen Teer in seinem Bauch und presste sein Gesicht jetzt dicht an den Hals seiner Freundin. Sie drückte ihn fest an sich und zum ersten Mal hatte er das Bedürfnis, zu erzählen, was damals in Berlin passiert war. Er schloss die Augen und zählte bis zehn. Dann war er bereit.
»Sie hat Tabletten genommen«, murmelte er.
Veronika reagierte nicht und David dachte einen Moment, sie habe ihn gar nicht gehört oder nicht verstanden, weil er ihn ihre Haare geredet hatte. Doch dann verstärkte sie den Druck ihrer Arme um ihn.
»Das hast du mir nie erzählt«, sagte sie leise. »Hast du sie gefunden?«
Aus der Tiefe seines Körpers durchströmte ihn die Angst, als er an die Situation in jeder Nacht zurückdachte. Er war nicht in der Lage, zu antworten, weil ihm die unterdrückten Tränen den Hals zuschnürten, und so nickte er lediglich leicht mit dem Kopf.
»Das tut mir wahnsinnig leid!«, sagte Veronika.
Als sich die überströmenden Gefühle ein wenig beruhigten, löste sich David von seiner Freundin und wandte sich dem Ausblick zu. Das hier war wirklich wunderschön. Er hatte fast vergessen, dass es diesen Ort hier oben gab. Er beschloss, ab sofort häufiger hierher zu kommen. Ohne sich umzudrehen, redete er weiter und war sich sicher, dass Veronika ihm genau zuhörte.
»Ich kann hier nicht weg, solange es meiner Mutter nicht wirklich besser geht. Ich habe jeden Tag Angst, dass sie das noch mal macht. Auch wenn sie mir hoch und heilig versprochen hat, dass sie das nicht tun wird. Es fällt mir wahnsinnig schwer, ihr zu vertrauen.« Er machte eine Pause, bevor er weitersprach. »Natürlich könnte ich auch sagen, dass das ihre eigene Verantwortung ist. Aber das funktioniert einfach nicht.« Er wandte sich zu Veronika um. »Verstehst du das? Ich könnte mir nie verzeihen, wenn ich eines Tages einen Anruf kriege und am Telefon erfahre, dass sie sich umgebracht hat.«
Veronika nickte. »Trotzdem kannst du nicht den Rest ihres Lebens auf sie aufpassen. Du musst doch dein eigenes Leben leben.«
»Ich weiß!«, antwortete David und nahm den gereizten Ton in seiner Stimme wahr. Er atmete tief durch. »Ich war damals vierzehn, als ich sie gefunden habe. Das ist zu früh für so einen Scheiß.«
Veronika nahm in fest in die Arme und sie hielten sich lange fest, bis der Schmerz in Davids Bauch allmählich nachließ. Er hatte es so vermisst, mit einem Menschen wie Veronika zu sprechen. Die Leute hier in der Umgebung hatten ihm bislang nie einen richtigen Halt geben können. Lediglich Julian hätte vielleicht diese Rolle übernehmen können. Aber dem war er hier ja gar nicht mehr so begegnet, wie vorher in Schweden. Als hätte Veronika genau gespürt, was David gerade durch den Kopf ging, fragte sie ihn nach Julian:
»Was ist mit diesem Typen aus Schweden? Hast du den noch mal getroffen?«
»Warum sollte ich?«, entgegnete David gereizt.
»Hast du nicht erzählt, dass der auch hier in der Gegend wohnt? In einem Internat?«
David wies mit der Hand auf die in der Sonne glitzernden Dächer. »Da drüben.«
»Du hast mir ja nie genau erzählt, was mit dem gelaufen ist. Aber du hattest sich ziemlich verliebt, oder?«
»Wie kommst du denn darauf?«, fuhr es aus David heraus.
»Ach komm, David! Mach mir doch nichts vor.« Veronika stöhnte genervt. »Du bist schwul und der Typ hat dir letzten Sommer komplett den Kopf verdreht. Wir wissen das seit Jahren von dir, auch wenn dir das vermutlich keiner gesagt hat.«
Die Wut stieg in David hoch und platzte aus ihm heraus: »Ich weiß, ihr coolen Berliner habt immer den Durchblick. Ihr wisst immer genau, was richtig und was falsch ist. Aber das ist hier anders. Das hier«, David breitete die Arme weit aus und drehte sich im Kreis, »das hier alles um uns herum ist völlig andes, als in Schöneberg zu leben und sich auf Partys in Hinterhöfen herumzutreiben.« Er hätte schreien können. »Hier zieht man sich nicht einfach ein Kleid an und rennt geschminkt über die Pride. Das hier ist Provinz. Tiefste Provinz. Hier ist nichts. Nur Wein und total ignorante Menschen. Ja, ich stehe auf Jungs. Ich bin schwul. Ich kenne alle Websites und ich kenne mich mit Safer Sex aus. Ich hab diesen Kerl aus dem Internat gefickt und mir den Schwanz von ihm blasen lassen. Aber das war in einer anderen Welt. Da war außer uns keiner. Da kannte uns niemand. Da waren wir allein. Und hier? Soll ich dir sagen, wie das hier abläuft? Hier trifft man sich heimlich mit irgendeinem Typen in einem abgelegenen Waldstück und muss ständig damit rechnen, dass er seine Kumpels mitbringt, die dir die Fresse polieren, sobald du die Hose aufmachst!«
Wütend stampfte David mit dem Fuß auf und er hätte liebend gerne mit irgendwas um sich geworfen, doch er hatte keine leeren Flaschen dabei, unter seinen Füßen wuchsen nur ein paar Frühlingsblumen und er war sich auch im nächsten Moment im Klaren darüber, dass er völlig überreagierte.
Veronika sah ihn mit traurigen Augen an. Eine Welle von Mitgefühl schwappte zu ihm herüber und David fühlte sich so verstanden wie schon ewig nicht mehr.
»Entschuldige«, murmelte er. »Ich wollte dich nicht anschreien.«
Veronika trat auf ihn zu und legte erneut die Arme um ihn.
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Nicht dafür, dass du hier festhängst. Das ist nicht deine Schuld.«
Eng umschlungen standen sie wieder eine Weile auf der Wiese. Leichter Wind kam auf und ließ David frösteln. Die Sonne hatte sich in der Zwischenzeit immer mehr dem Horizont genähert und David hatte plötzlich unbändigen Hunger. Er schob Veronika von sich und machte den Vorschlag, zu ihm nach Hause zu gehen und etwas zu kochen. Sie bogen also wieder in den Waldweg ein, den sie auf dem Hinweg schon genommen hatten.
»Ich habe mich echt beschissen verhalten«, sagte David nach einer Weile, als sie sich langsam dem Dorf näherten. »Julian war am Boden zerstört, als ich ihm damals gesagt habe, dass ich hier keine für alle sichtbare Beziehung führen kann. Er hat das überhaupt nicht verstanden. Und ich war so fest davon überzeugt, dass das nicht geht. Da hat er sich radikal von mir abgewandt. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen.«
»Obwohl er ganz in der Nähe wohnt?«, fragte Veronika. »Läuft man sich hier nicht zwangsläufig mal über den Weg?«
David schüttelte den Kopf. »Das Internat scheint eine vollkommen abgeschlossene Welt für sich zu sein. Wir haben überhaupt keine Überschneidungspunkte. Dabei würde ich ihn echt gerne mal wiedersehen.«
In diesem Moment schoss ihm eine Idee durch den Kopf. Darauf hätte er auch schon früher kommen können. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen.
»Was ist los?«, fragte Veronika erstaunt.
»Der Tag der offenen Tür!«, rief David.
»Wovon sprichst du?«
David sprang auf Veronika zu und tanzte um sie herum.
»Am Wochenende ist Tag der offenen Tür im Internat. Für die Eltern, die ihre Kinder hier einschulen wollen. Das ist der einzige Tag im Jahr, an dem man als Fremder in das Internat reinkommt.«
»Und?« Veronika schien immer noch nicht zu verstehen, was das bedeutete.
»Wir gehen hin!«, kicherte David. »Morgen. Und dann schauen wir mal, ob wir Julian sehen.«
Entgeistert betrachtete Veronika ihn. »Bist du sicher, dass du das tun willst?«
»Warum denn nicht? Es gibt bestimmt auch Häppchen und Getränke.«
»Ich weiß nicht recht …«
»Keine Widerrede. Ich habe beschlossen, dass wir morgen ins Internat gehen und uns den Laden mal genau angucken.«
David wurde von einem Hochgefühl getragen, das er schon lange nicht mehr erlebt hatte. Und er freute sich wirklich darauf, Julian wiederzusehen.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das siebte Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare. Ich freue mich auf deine Rückmeldungen.


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