Dorfidylle

Dorfidylle #09

Frühlingsfest.

Veronika war noch am Nachmittag des gemeinsamen Internat-Besuchs in den Zug gestiegen, um rechtzeitig bei ihrem Treffen am Bodensee anzukommen. Und David war froh gewesen, Zeit für sich zu haben. Er hatte die Begegnung mit Julian erst einmal allein verarbeiten müssen. Gleichzeitig tat es ihm auch gut, viel arbeiten zu können. Die Abläufe im Hotel und der Gaststätte waren noch neu für ihn und nach der Arbeit war er immer völlig erledigt in sein Bett gefallen. Erst hatten ihn die Gäste des Internats, von denen einige im Brüllenden Bullen abgestiegen waren, mit ihren ausgefallenen Wünschen auf Trab gehalten, danach hatte die Vorbereitung für das anstehende Frühlingsfest viel Aufmerksamkeit verlangt. Eine Woche nach der frustrierenden Erkenntnis, dass Julian einen Neuen hatte und ihn offenbar nicht hatte erkennen wollen, bereitete David nachmittags den Außenausschank des Bullen vor der Gaststätte vor.

——————————————

Du willst die bisherigen Kapitel in einem Stück in einem pdf lesen? Dann melde dich bei meinen GayLetters an und lade dir die aktuelle Version runter!

Du bist schon angemeldet? Dann ist hier der Direktlink. Das Passwort ist das gleiche wie für die anderen Downloads. Bei Problemen: post@stephano.eu

——————————————

»Schaffst du das alleine?«, fragte Alina, die aus der Gaststätte herauskam. »Keine Ahnung, wie Konrad sich das vorstellt, dir den Ausschank hier draußen ohne Unterstützung zu überlassen.«
Sie lehnte sich an die Theke und beobachtete, wie David das Bierfass an die Zapfanlage anschloss.
»Irgendwie werde ich das schon hinkriegen«, antwortete der, als er die Verbindung endlich fest verschraubt hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wo ist der Chef überhaupt?«
»Der sitzt drinnen mit dem Bürgermeister und trinkt schon sein drittes Bier.« Alina sah auf ihr Handy. »Ich denke, spätestens gegen fünf Uhr ist der voll.«
David sah sich in dem engen Raum um, der ihm zum Arbeiten zur Verfügung stand. Der Wein war da. Mehrere Sorten von Winzern aus der Region. Ihm fehlte lediglich noch der Sekt. Und die Preisschilder musste er aufhängen. Auch er sah auf die Uhr seines Handys. Kurz vor vier. Gleich ging es los. Und er kannte die Leute hier in der Umgebung: Die warteten nicht erst, bis es dunkel wurde, um sich zu betrinken.
»Bis wann haben wir eigentlich geöffnet?«, fragte er Alina und ihm wurde bewusst, dass Konrad ihm diese Information gar nicht gegeben hatte.
Alina lachte. »Theoretisch geht es bis um zehn. Hat mit den Lizenzen zu tun. Aber in der Praxis ist selten vor zwölf Uhr Schluss. Es sei denn, es fängt an zu regnen. Dann ist zumindest für dich hier draußen nichts mehr zu tun. Aber dafür wirds dann drinnen bei mir voll.«
»Ich komme dann rein und helfe dir.«
David goss sich ein Glas Cola ein und atmete noch einmal tief durch, bevor hier gleich die Hölle ausbrach. Er war natürlich in den letzten Jahren immer beim Frühlingsfest dabei gewesen. Als trinkender Gast. Neben dem Weinfest im Herbst was das die einzige Attraktion des Ortes und es gehörte zum guten Ton, sich als Jugendlicher vollaufen zu lassen, bis man in irgendeinem Vorgarten oder einer Scheune einschlief. Nicht selten in einer Lache der eigenen Kotze. Je älter die Leute hier wurden, desto weniger übergaben sie sich. Aber sie tranken trotzdem nicht weniger.
»Was mache ich am Schluss mit dem Geld?«, erkundigte sich David und hielt Alina noch einmal zurück, bevor er sie für die nächsten Stunden vermutlich nur noch im Vorbeigehen sehen würde, wenn er Getränke aus dem Kühlraum holen musste. »Wenn Konrad besoffen ist, dann sammelt er das bestimmt nicht ein, oder?«
»Keine Sorge, wenn´s ums Geld geht, ist der sofort wieder stocknüchtern.«
Alina zwinkerte ihm zu und steuerte die Gaststätte an, deren Tür weit offen stand. Im Hotel waren nach dem vergangenen vollen Wochenende heute nur wenige Gäste, die meisten gehörten irgendwie zum Dorf und hatten sich von auswärts zu Besuch kommend, gezielt für das Frühlingsfest eingebucht. Anderen Gästen wäre eine Übernachtung mitten im Partygetümmel wohl auch nicht zuzumuten.

Die ersten zwei Stunden verliefen erstaunlich ruhig. David konnte sich langsam an die Zapfanlage und das gleichzeitige Ausschenken von Wein und das Kassieren gewöhnen. Er hoffte, sich nicht allzu oft zu verrechnen. Aber letztendlich würde das sowieso niemand nachvollziehen können, weil er nur eine einfache Kassette für das Geld vor sich stehen hatte und keine Bons ausdruckte. Am Ende würde niemand wissen, wie viele Getränke er rausgegeben hatte, sondern lediglich das Geld in der Kasse würde Aufschluss über den Erfolg des Abends geben.
Alina kam noch einmal zu ihm nach draußen, um ihn zu fragen, ob alles in Ordnung war. David nickte. Mit fortschreitender Zeit hatte er zwar immer mehr zu tun, aber noch hatte er den vollen Überblick.


»Wenn dir irgendjemand blöd kommt, dann kipp ihm einfach ein Bier über den Kopf«, scherzte Alina. »Das wirkt in der Regel sofort.«

Immer mehr Leute sammelten sich nun nach und nach in dem Hof des Bullen. Am anderen Ende hatte der Metzger aus der Nachbargemeinde eine Grillstation aufgebaut und aus der Entfernung konnte David beobachten, dass ihm die Steaks und hausgemachten Würstchen quasi aus den Händen gerissen wurden. Das würde sich positiv auf die Mägen der Besucher auswirken, denn mit Fett im Bauch vertrugen sie den Alkohol besser. Trotzdem verloren die ersten Jüngeren aus dem Dorf schon das Gleichgewicht und einer von ihnen torkelte über die Wiese. David war sich nicht sicher, ob er ihnen überhaupt Bier ausschenken durfte, hatte aber auch keine Lust, sich mit einem von ihnen anzulegen. Und dem Chef war es erfahrungsgemäß völlig egal, wer seine Getränke konsumierte. Wer bezahlte, bekam, was er bestellte. Natürlich versuchte der eine oder andere von den Jugendlichen, die David alle kannten, ihm Freibier abzuschwatzen. Aber David war auf der Hut: Er rechnete jederzeit damit, dass Konrad hinter ihm auftauchen und ihn kontrollieren würde. Also lehnte er jedes Mal resolut ab.
Die Arbeitsfläche, der Holzboden unter seinen Füßen und selbst die Geldkassette schwammen nach ein paar Stunden in Bier und Wein. David schaffte es nicht mehr, über die Flächen zu wischen, und immer wieder standen Leute vor ihm und versuchten seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie mit Geldscheinen wedelten. Gegen acht Uhr erreichte der Abend seinen vorläufigen Höhepunkt und David verlor schließlich doch den Überblick.
»Machst du mir vier Bier?«, rief eine Stimme hinter ihm. »Und eine Cola mit Rum. Und eine Weißweinschorle.«
David drehte sich nicht einmal mehr um, denn vor ihm warteten schon weitere Kunden, die langsam ungeduldig wurden. Um den zu allen Seiten offenen Ausschank scharten sich bestimmt zwanzig Leute, die alle etwas zu Trinken haben wollten. David schwitzte, obwohl es spürbar kühler wurde, sein Nacken schmerzte und er wünschte sich nichts mehr, als einfach nur ein paar Minuten auf einem Stuhl zu sitzen und die Augen zu schließen. Aber das ging jetzt nicht.
Hinter sich hörte er die Luke zu seinem Verkaufsstand quietschen und er spürte, dass jemand neben ihn trat. David sah leicht gestresst zur Seite und da stand Alexander, den er im letzten Herbst auf dem Weinfest zum ersten Mal getroffen hatte. Er hatte die Ärmel seines karierten Hemdes bis zu den Bizepsen hochgekrempelt, die oberen drei Knöpfe standen offen und ließen den Blick auf die muskulöse Brust zu.
»Ich übernehme das hier«, sagte der Winzersohn gelassen zu ihm. »Mach du mal fünf Minuten Pause.«
Ohne eine weitere Reaktion von David abzuwarten, zapfte er vier Gläser Bier und reichte sie nach hinten.
»Weinschorle und Cola gibts erst in zehn Minuten wieder«, sagte er mit fester Stimme zu dem Gast. »Ich rufe dich dann.«
Offenbar akzeptierte der Gast die Ansage ohne Murren. Alexander trat wieder neben David und grinste ihn an.
»Danke!«, sagte David und fühlte sich augenblicklich besser. »Ich weiß nicht, was Konrad dazu sagt, wenn er dich hier sieht.«
Alexander zuckte mit den Schultern. »Als wenn mich das interessieren würde. Ich helfe dir jetzt und basta.« Er boxte David leicht in die Seite. »Geh du mal raus und hol Luft.«
Aber das war gar nicht mehr nötig. Solange David diesen Wahnsinn nicht allein ertragen musste, war das alles nicht so schlimm.
»Ich spüle die Gläser«, sagte er. »Das ist wie Meditation. Und dann kann ich gleich wieder voll einsteigen.«
Sie arbeiteten wie ein perfekt eingearbeitetes Team hinter der Theke und nach fünfzehn Minuten hatte Alexander den Stau abgearbeitet. Sogar Sonderwünsche gab er jetzt wieder raus. Als schließlich für einen Moment mal niemand etwas von ihnen haben wollte, lehnte sich Alexander an den Tresen, während David versuchte, die größten Bierlachen mit einem Lappen aufzuwischen.
»Du hast dich lange nicht mehr gemeldet«, sagte Alexander leise und sah ihn neugierig an. »Und ich war ein bisschen überrascht, dass du bei Konrad arbeitest. Hast du deinen Job also endlich geschmissen?«
In den ersten Monaten, nachdem sie sich über den Weg gelaufen waren, hatten sie sich mindestens einmal wöchentlich in der Scheune des Hofs von Alexanders Eltern getroffen. Das war eine irgendwie erfüllende Zeit gewesen. Und die körperliche Nähe zu dem gut gebauten Winzersohn hatte David über den Frust der blöden Erfahrung mit Julian hinweggetröstet. Doch gegen Ende des Winters hatten sich seine Skrupel gemeldet, sodass er Alexander mehr und mehr aus dem Weg gegangen war. Seit einer Woche wusste David nun, dass er sich die Skrupel hätte sparen können. Er hätte einfach in vollen Zügen leben sollen. Und Alexander war ein Mensch, der ihm das Leben spürbar einfacher machte, denn er stellte meist nicht viele Fragen.
»Ich hatte eine Menge mit mir selbst zu tun«, entschuldigte sich David. »Ich musste mit mir klarkommen und entscheiden, wie ich weitermache.«
»Ich hätte dich dabei unterstützen können«, sagte Alexander und streifte mit seinen Fingern wie zufällig über Davids Unterarm.
Das Kribbeln auf seiner Haut signalisierte ihm, wie sehr er diese Berührungen vermisst hatte. Zum ersten Mal seit Langem wurde ihm warm im Bauch. Keine Spur von klebrigem Teer.

»Ich glaube, das musste ich mit mir allein ausmachen.«

»Wie du meinst.«
Noch immer lächelte Alexander ihn an. Dann standen wieder Gäste vor ihnen und fast zwei Stunden lang hatten sie alle Hände voll zu tun. Im Vorbeigehen berührten sich ihre Hände manchmal und David fühlte sich trotz der vielen Arbeit und den immer betrunkener werdenden Kunden sauwohl. Sie gaben Getränk um Getränk heraus, wechselten sich beim Spülen der Gläser ab und als dann schließlich gegen halb zehn der Strom an Bestellungen nachließ, füllte Alexander zwei Gläser mit Sekt und reichte David eins davon.
»Auf die gute Teamarbeit!«, sagte er und sie stießen an.
Der Sekt stieg David sofort in den Kopf. Er hatte seit Stunden nichts gegessen. Aber das war ihm jetzt egal. Der große Ansturm war überstanden. Sie hatten es geschafft.
»Danke für die Hilfe«, sagte er. »Ich glaube, ab jetzt komme ich allein zurecht.«
Alexander nickte.
»Vermutlich bist du hier nicht vor Mitternacht fertig«, sagte er mit warmer Stimme. »Ich laufe ein bisschen durch den Ort und gucke mal, ob noch jemand meine Unterstützung braucht. Aber ich habe mein Handy in der Tasche und wenn du nach Feierabend nicht sofort in dein Bett willst, dann melde dich. Vielleicht kann ich dir dann noch anderweitig zur Hand gehen.«
Er zwinkerte David zu, leerte sein Glas, stellte es zu den anderen gebrauchten Gläsern und trat durch die Luke aus dem Getränkestand heraus. Er winkte David noch einmal zu, deutete mit der Hand eine Telefoniergeste an und tauchte dann zwischen den Leuten im Hof vor der Gaststätte unter. David sah ihm nach und war wirklich froh, Alexander zu kennen. Die Unterstützung heute Abend war perfekt gewesen. Und die Aussicht auf ein prickelndes Treffen im Stroh ließ die vor ihm liegenden Stunden leichter erscheinen.
Natürlich hatte David nicht nur einmal darüber nachgedacht, ob er mit Alexander nicht genau die Art von Beziehung führen könnte, die ihm vorschwebte. Etwas Festes, aber ohne zu offensichtlich zu sein, sodass die Leute im Dorf über sie zu reden beginnen würden. Vermutlich käme das auch Alexander sehr entgegen, der schließlich irgendwann den Hof seiner Eltern übernehmen und damit an diese ziemlich konservative Region gebunden war. Offen schwule Männer gab es hier eben nicht. Alles lief immer nur im Geheimen, so wie er es Viktoria erzählt hatte. Aber der große Haken an der Sache mit Alexander war: David war einfach nicht verliebt. Er mochte den Sex mit ihm. Er genoss es, danach mit ihm im Stroh zu liegen und zu reden. Vieles passte gut zusammen. Nur das Gefühl, das er mit Julian gehabt hatte, hatte sich bei Alexander einfach nicht eingestellt.
»Machst du mir ein Bier?«, fragte eine Stimme hinter David und riss ihn aus seinen Gedanken.
Er legte das Trockentuch, mit dem er gerade gedankenverloren ein Weinglas abgetrocknet hatte, aus der Hand und wandte sich der Stimme zu. Vor der Theke stand ein junger Typ, etwa zwanzig Jahre alt, glattrasiert, mit halblangen braunen Haaren und hellbraunen Augen. Er trug ein weißes Poloshirt und seine Lippen strahlten pure Erotik aus und sein Lächeln schien ihn geradezu schweben zu lassen.
»Oder machst du schon zu?«, fragte er und jetzt lächelten auch seine Augen.
David räusperte sich und schluckte seine Überraschung hinunter.
»Keine Sorge, ich bin noch eine Weile hier«, sagte er und griff nach einem Glas.
»Das beruhigt mich«, sagte der Typ und lehnte sich lässig an die Theke. »Die meisten hier sind ja ansonsten steinalt oder stockbesoffen. Du bist die große Ausnahme«. Er zwinkerte David zu.
Der setzte dem Bier noch eine schöne Krone auf und reichte es dann über die Theke.
»Was kriegst du?«
David winkte ab. Er hatte so viel Geld eingenommen, da spielte das eine Bier keine Rolle. »Lass mal«, sagte er. »Geht aufs Haus.«
»Vielen Dank. Trinkst du auch ein Glas?«
David füllte sich ein Bierglas zur Hälfte und hielt es dem anderen entgegen.

»Ich bin Sid«, sagte der.

Sie stießen an. »Ich hab dich hier im Ort noch nie gesehen. Aber ich lebe auch noch nicht lange hier.«
David erzähle, dass er im Nachbardorf lebte und seit Kurzem hier bei Konrad arbeitete. Auf die Frage, was Sid hier in die Gegend verschlagen hatte, antwortete der ausweichend. David hörte dabei heraus, dass er offenbar nicht ganz freiwillig hier war, etwas außerhalb lebte und dass ihn familiäre Gründe in die Gegend verschlagen hatten.
»Aber was macht ein gut aussehender Mann wie du hier in der Provinz?«, fragte Sid und lenkte damit unverhohlen von sich selbst ab.
David tat es gut, dieses Kompliment zu hören. Auch wenn er Sid überhaupt nicht einordnen konnte. Stand der auf Typen? Oder war er einfach nur wahnsinnig sympathisch? David umriss knapp, dass er vor ein paar Jahren aus Berlin hierhergezogen war und noch bei seiner Mutter lebte.
»Bei der Familie leben, ist nicht immer ein Segen.« Sid grinste. »Zum Glück gibt es hier in der Umgebung ja genügend Möglichkeiten, sich mal in Ruhe zurückzuziehen.« Er machte eine kurze Pause, sah David dabei belustigt an und nippte dann an seinem Bier. »Nicht dass ich das wirklich bräuchte, aber für den Fall der Fälle finde ich das ganz beruhigend.«
David wusste für einen Moment nicht, was er dazu sagen sollte. Sid flirtete mit ihm. Er konnte sich nicht so sehr täuschen. Und Sid reizte ihn tatsächlich. Viel intensiver als Alexander, der durch die körperliche Arbeit deutlich kräftiger war. Sid ganz war anders. Zierlicher, schmaler, jungenhafter. Aber zugleich hatte er auch etwas distanziert Arrogantes an sich, das David nicht genau greifen konnte.
Ausgerechnet in diesem Moment zeigte sich Konrad zum ersten Mal an diesem Abend und steuerte mit leicht schwankendem Gang auf David zu. Als er Sid bemerkte, ging ein leichter Ruck durch seine Körper, er bemühte sich sichtlich um Haltung, trat dann neben ihn und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
»Guten Abend junger Mann«, sagte er. David hörte ihm den Alkohol deutlich an. »Mach unserem Gast doch noch ein Bier«, sagte er zu David. »Besondere Gäste trinken bei uns natürlich aufs Haus.«
David zapfte das Bier, machte seinem Chef auch eins und reichte die Gläser weiter. Sid zwinkerte ihm verschwörerisch zu und stieß dann mit Konrad an.
»Wie geht es deinem Onkel? Ist er mit den Vorbereitungen zufrieden?«
»Alles läuft wie geplant«, bestätigte Sid und nickte. »Nur die Getränke sind noch ein offener Punkt.« Sid wies auf die Weinflaschen hinter David. »Das Zeug wirst du bei uns doch wohl nicht ausschenken.«
»Natürlich nicht!«, ereiferte sich Konrad sofort. Er beugte sich fast unterwürfig zu Sid vor und flüsterte: »Das ist hier fürs einfache Volk.«
»Das beruhigt mich.«
Konrad warf David einen Blick zu und sagte dann: »Der Herr trinkt natürlich den Rest des Abends auf meine Kosten.«
»Verstanden«, sagte David.
Sid sagte nichts dazu, lächelte bloß in sich hinein. David fand das irgendwie eigenartig, sagte aber lieber nichts dazu. Konrad zog sich taumelnd zurück und Sid wandte sich mit einem leisen Stöhnen David wieder zu. Der hoffte, jetzt ein bisschen mehr über Sid zu erfahren, den sein Chef so umgarnte, wurde aber von einer Frau in seinem Alter daran gehindert, weitere Fragen zu stellen. Sie tauchte unvermittelt neben Sid auf und legte ihm einen Arm um die Schultern.
»Schäkerst du schon wieder mit Fremden?«, fragte sie und sah David dann neugierig an. »Ich bin die Anstandsdame dieses jungen Herrn und muss ihn dir jetzt leider entführen.«
Sid verdrehte die Augen und ließ sich dann von seiner Freundin von David fortziehen, ohne den eines weiteren Blickes zu würdigen. Leicht verwirrt sah David den beiden nach. Er hätte wirklich gerne mehr über ihn erfahren. Vor allem, ob Sid einfach nur unsicher war, ob er diese leichte Überheblichkeit, die er Konrad gegenüber an den Tag gelegt hatte, immer ausstrahlte oder warum er sonst so ambivalent auf David wirkte. Aber wenn er sich nicht ganz täuschte, dann würden sie sich sicherlich noch mal über den Weg laufen.
»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte Alina, die überraschend neben ihn trat. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie in der Nähe war. Sie sah in die gleiche Blickrichtung wie David und brach in Lachen aus. »Ich verstehe.«
»Wer ist das?«, fragte David. »Ich hab den noch nie gesehen.«
»Das ist Georg. Der Neffe des Grafen.«
»Er hat gesagt, er heißt Sid.«
»Er hasst seinen richtigen Namen. Deshalb nennt er sich Sid.«
»Wie dieses Faultier aus Ice Age?«
Alina nickte. »Die Mädels hier in der Region beißen sich die Zähne an ihm aus. Alle wollen mit ihm ausgehen. Aber er lässt sie eine nach der anderen abblitzen.«
»Warum?«
Alina zog dramatisch die Augenbrauen hoch.
»Was?«, fragte David.
»Der Junge ist schwul.« Alina steckte sich eine Zigarette an. »Probier du es doch mal bei ihm. Vielleicht hast du mehr Erfolg.«
Gerade wollte David zu einem Dementi ansetzen. Doch dann winkte er innerlich ab. Warum sollte er sich denn noch weiter verstellen? So lange keiner damit hausieren ging, konnte er nur gewinnen. Glaubte er zumindest.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das neunte Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare. Ich freue mich auf deine Rückmeldungen.


Ich habe eine Novelle für dich!
Trag dich in meinen Newsletter ein und schnapp dir eine exklusive Novelle aus dem Universum der GayStorys!

Hier gibt es einen Einblick in die Novelle


Die GayStorys

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert