Dorfidylle

Dorfidylle #11

Der 21. Geburtstag.

Die letzten Spuren des Frühlingsfestes waren gerade erst weggeräumt, als sich im Hotel schon die nächste Hektik ausbreitete: Der einundzwanzigste Geburtstag von Georg stand auf dem Plan. David hatte sich damit abgefunden, die Organisation vor Ort, im Schloss des Grafen, zu übernehmen. Alina unterstützte ihn, so gut es ging, doch sie war für den ganzen Samstag, an dem die Feier stattfinden sollte, im Hotel eingeplant, denn viele der erwarteten Gäste hatten sich im Brüllenden Bullen einquartiert, weil er nur zehn Minuten mit dem Auto vom Gut des Grafen entfernt lag und es darüber hinaus in der Gegend keine anderen adäquaten Unterkünfte gab. Sobald David den Gasthof mit den Hilfskräften, dem Buffet und den Getränken verließ, war er also auf sich allein gestellt. Und das machte ihn dann doch allmählich ein bisschen nervös.

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Mit Konrads Transporter fuhr er am späten Nachmittag durch das Eisentor der gräflichen Anlage und staunte. Er hatte das Schloss bislang nie richtig gesehen, denn es war von einer Steinmauer und zahlreichen hohen Bäumen umgeben, sodass es von der Landstraße kaum zu erkennen war. Jetzt nahm David zum ersten Mal die Pracht der Gebäude wahr.
Das Hauptgebäude erstreckte sich quer zur Einfahrt bestimmt über vierzig Meter Breite auf zwei Etagen. Es war hell gestrichen, grüne Fensterläden zierten die Fassade, das Dach war mit roten, bemoosten Schindeln gedeckt und eine steinerne Freitreppe führte zur reich verzierten Eingangstür hinauf. Der Platz davor war teilweise mit Kies betreut, der Rasen um das Gut wie auf einem Golfplatz sorgfältig geschoren und als David aus dem Wagen stieg, hatte er den Eindruck, vor einem Schloss aus dem siebzehnten Jahrhundert zu stehen.
Er wurde bereits erwartet. Der Graf selbst trat aus der Tür und sah missmutig zu ihm herab.
»Du bist spät«, rief er und verschränkte die Arme. »Was ist mit Konrad? Kommt der noch?«
David schnappte sich zwei Champagner-Kisten und marschierte auf die Treppe zu. Als er vor dem Grafen stand, erklärte er ihm, dass Konrad im Hotel mit den Gästen des Geburtstags zu tun habe. Ohne ein weiteres Wort wies der Graf ihn an, die Kisten zu öffnen, und er zog eine der Flaschen heraus.
»Die sind ja fast warm«, beschwerte er sich.
Seit drei Tagen hatten die Kisten im Kühlraum bei vier Grad gestanden und hatten sich auf dem kurzen Weg zum Schloss nicht merklich aufgewärmt. Doch David kapierte sofort, dass es gar nicht darum ging, sondern dass der Graf seine Rolle als Auftraggeber unmissverständlich klarmachen wollte. Also kommentierte David die Bemerkung nicht, sondern fragte lediglich, wohin er die Kisten bringen sollte. Der Graf grummelte irgendwas vor sich hin und rief dann seinen Hausdiener, der David in die Wirtschaftsräume führte.
Erst als David kurz darauf mit den nächsten Kisten aus dem Transporter erneut in die Eingangshalle des Gutes kam, fiel ihm das große Gemälde an der Stirnwand auf. Er blieb einen Moment lang stehen, um es zu betrachten. Zwei in wehende Kostüme gekleidete, fast nackte Frau tanzten miteinander und erinnerten David an die Kunstwerke der Moderne, die er in seiner Schulzeit kennengelernt hatte. Ihm gefiel das Bild sofort, auch wenn es nicht so richtig in dieses Gebäude und schon gar nicht zu der eigenartig verbitterten Art des Grafen zu passen schien. Aber David hatte nicht die geringste Ahnung, welcher Künstler das Gemälde gemalt haben könnte. Er sah sich kurz um und trat dann näher heran. Das war ein Original. Und David war davon überzeugt, dass es nicht billig gewesen war.
Hinter ihm kamen jetzt auch die Hilfskräfte herein, die mit separaten Autos gefahren waren. Sechs junge Frauen und zwei ebenfalls junge Männer aus der Region, die David nur flüchtig kannte. Er sagte ihnen, wohin das Essen und die Getränke gebracht werden sollten, und konzentrierte sich wieder ganz auf seine Arbeit.
Nach fast zwei Stunden hatten sie alles aufgebaut und die Gläser noch einmal nachpoliert. Die letzten Dekorationen fehlten noch zwischen den Platten mit Häppchen und als David auf die Uhr sah, registrierte er, dass ihnen nur noch fünfzehn Minuten blieben, bis die ersten Gäste eintreffen sollten. Er machte seinen Kolleginnen Dampf und lief auf dem Weg aus der Küche beinahe dem Grafen in die Arme. Der wich keinen Zentimeter zur Seite, obwohl David gerade mehrere Eiskübel für den Champagner in den Händen balancierte.

»Ist das alles, was du an Essen mitgebracht hast?«

fragte der Graf. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. »Ich hatte mehr in Erinnerung.«
»Ich kann noch mal bei Konrad anrufen, ob er etwas vergessen hat«, versuchte David zu beschwichtigen, wusste allerdings, dass das nicht der Fall war.
Der Graf winkte genervt ab. »Wenn sich dein Chef wenigstens mal selbst hierher bemühen würde. Aber seit ich ihn kenne, hat er mein Haus nie betreten.«
Davon hatte David schon gehört, hatte allerdings keine Ahnung, warum Konrad nie hierher kam. Im Grunde interessierte ihn das auch gar nicht. Er hätte lieber gewusst, wo Sid war. Also Georg. Er war immerhin der Anlass der Feier, aber David hatte ihn bislang noch nicht zu Gesicht bekommen. Er konnte nicht verhehlen, dass er neugierig auf den Neffen des Grafen war, denn schließlich hatte der vor einer Woche ziemlich unverhohlen mit ihm geflirtet.
In diesem Moment veränderte sich die Miene des Grafen schlagartig. Er lächelte, breitete die Arme aus und schritt zügig auf den Eingang zu. Dort waren die ersten Gästen erschienen, ein Paar, Mitte fünfzig, sie im eleganten Kleid, er im schwarzen Smoking.
Von diesem Moment an war David ununterbrochen unterwegs. Er wies seine Leute ein, die teils sichtlich überfordert damit waren, ein Tablett mit Champagnergläsern vor sich zu halten, und versuchte verzweifelt, all die Missverständnisse und Versäumnisse, die sein Chef ihm überlassen hatte, aus der Welt zu räumen.
Erstaunlicherweise waren die Gäste – von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen – alle mindestens fünfzig, ein paar sicherlich schon über achtzig. David wunderte sich, dass Sid in diesem Kreis seinen Einundzwanzigsten feierte. Damit hatte er nicht gerechnet. Und erst als sich der Eingangsbereich, in dem offenbar der zentrale Teil des Abends stattfinden würde, sichtlich mit Gästen gefüllt hatte, kam das Geburtstagskind selbst.
Sid erschien plötzlich oben an der breiten Treppe, die in die erste Etage hinauf führte, und fast wäre David das Tablett aus der Hand gefallen, als er ihn bemerkte. Das Geburtstagskind trug einen über und über mit Pailletten besetzten Anzug, hatte sich die Augen dunkel geschminkt und verharrte eine Weile in der abgehobenen Position, bis sich ihm alle Augen zugewandt hatten. Dann tänzelte er die Treppe herab.
»Die Jugend …«, murmelte ein älterer Herr neben David seiner Begleitung zu, hob dann allerdings die Hände und begann zu klatschen.
Trotz der Irritationen in den Mienen der Gäste fielen sie in den Applaus ein. Sie intonierten Happy Birthday und Sid schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Er stolzierte an David vorbei, nahm sich elegant ein Glas von dessen Tablett, sah ihn jedoch keine Sekunde an, sondern marschierte einfach einmal quer durch die Halle, nur um dann durch den Haupteingang nach draußen zu gehen. David war ernüchtert, dass Sid ihn offenbar nicht erkannt hatte. Er beobachtete, wie der den Champagner in einem Zug trank und das leere Glas auf dem Tablett einer der Hilfskräfte abstellte. Dann verschwand er aus Davids Blick.
Nachdem nun die Hauptperson des Abends anwesend war, wenn auch nicht mehr im Haus selbst, sondern irgendwo draußen, änderte sich die Stimmung unter den Gästen. Bis gerade war die Lautstärke gedämpft gewesen, beinahe wie auf einer Beerdigung, doch der glitzernde Anzug von Sid, sein affektierter Marsch durch die Menge und seine offen zur Schau getragene Ignoranz den Gästen gegenüber, führte zu angeregten Gesprächen. David hörte Getuschel von allen Seiten. Die einen regten sich über Sids Auftreten furchtbar auf, die anderen waren belustigt.

»Bei der Vergangenheit ist das kein Wunder«

sagte eine mit goldenen Armreifen und einem sehr tief ausgeschnittenen Kleid behängte Dame um die sechzig. »Wenn ich mir vorstelle, ständig hin- und hergereicht zu werden und wenn ich wüsste, dass mich eigentlich keiner haben will, dann würde ich mich auch so verhalten.«
Ihr Begleiter im gleichen Alter und im steifen Anzug mit fest gebundener, grauer Krawatte wiegte den Kopf von recht nach links.
»Immerhin wird er das hier alles Mal erben«, sagte er. »Da könnte er sich seinem Onkel gegenüber ein bisschen dankbarer zeigen. Außerdem hatte ich nicht so viele Gäste bei meinem Einundzwanzigsten.«
Die Dame lachte laut auf. »Ist dir aufgefallen, dass er offenbar keine eigenen Freunde hat?« Sie breitete die Arme aus. »Alles nur Gäste seines Onkels. Durchschnittsalter siebzig.«
»Du übertreibst mal wieder, Darling!«
David konnte nicht verstehen, worüber sich die beiden weiter unterhielten, denn der Graf gab ihm ein Zeichen und David huschte in die Küche. Er zündete die einundzwanzig Kerzen der üppigen, dreistöckigen Torte an und balancierte sie in die Halle. Umgehend wandten sich ihm alle Anwesenden zu und applaudierten erneut. David war diese Aufmerksamkeit unangenehm, doch zum Glück stieg der Graf jetzt die Treppe ein paar Stufen hinauf und die Menge verstummte.
»Ich freue mich, dass Sie so zahlreich zum Fest der Volljährigkeit meines Neffen Georg erschienen sind«, sagte er mit fester Stimme, die die gesamte Halle ausfüllte.
Er dankte ein paar Gästen persönlich für ihr Erscheinen, sagte ein paar Worte zu Georg und dass er sich freute, ihn jetzt endlich wieder bei sich zu haben. David stellte in der Zwischenzeit die Torte an ihrem vorgesehenen Platz in der Mitte des Buffets ab und setzte ein freundliches Lächeln auf. Den Worten des Grafen folgte er nicht mehr, denn seine Sinne waren voll und ganz auf den Eingang fokussiert, wo Sid mit verschränkten Armen am Türrahmen lehnte. In seinem Gesicht spiegelte sich Geringschätzung und Langeweile. David verstand ihn nur zu gut. Wenn sein nächster Geburtstag in einem solchen Rahmen stattfinden würde, dann hätte er auch keine Lust, sich daran zu beteiligen. Sid griff nach einem weiteren Glas Champagner, hob es grüßend in die Höhe, als sein Onkel mit der offenen Hand auf ihn wies und nahm das Glas leerend den nächsten Applaus entgegen.

David fand die Situation von allen Seiten ziemlich peinlich.

Der Graf hatte offenbar seine Geschäftspartner und Freunde eingeladen, um sich im besten Licht und als Retter der Jugend zu zeigen. Sid trat der Feier mit Missachtung gegenüber. Das Buffet war für diesen Anlass extrem üppig und die Gäste völlig überaltert. Der Champagner floss in Strömen. Nichts davon konnte David anerkennen, aber er machte hier ja auch nur einen Job. Der Gastgeber war König. Und wenn der Gastgeber dann auch noch so einflussreich und wohlhabend war wie der Graf, dann wäre es vollkommen unangemessen gewesen, einen anderen Blick auf die Situation zu haben. Also drückte David seinen Rücken durch und umrundete das Buffet, denn just in diesem Moment eröffnete der Graf die Schlacht um das Essen.
Der Aufforderung seines Onkels, die Kerzen aus der Torte auszublasen und sich dabei etwas zu wünschen, erwiderte Sid mit einem schiefen Grinsen, goss sich das nächste Glas Champagner in den Mund und trat dann wieder auf die Freitreppe nach draußen.
Die Entrüstung des Grafen ging im Gemurmel der Gäste unter. Die unterteilten sich umgehend in zwei Gruppen: Einige Gäste hielten sich offenbar für zu kultiviert, um das Essen überhaupt wahrzunehmen, die anderen stürzten sich auf das Buffet, als hätten sie seit Wochen nichts mehr zu essen bekommen. David hatte alle Hände voll zu tun. Er erklärte die Häppchen, wies auf Soßen hin, legte Hummerstücke auf Teller, beschrieb, wie man die Schalen der Garnelen am einfachsten entfernte und musste immer wieder seine Hilfskräfte in die Küche schicken, um für Nachschub zu sorgen.
Als sich der größte Ansturm ein wenig gelegt hatte, konnte David einen Moment durchatmen. Er ließ den Blick über die Gästeschar schweifen. Er entdeckte tatsächlich nach einer Weile das Geburtstagskind. Sid wirkte schon deutlich angetrunken und kam auf das Buffet zu. Er fixierte David und zwinkerte ihm über die Köpfe der anderen hinweg zu. Dann hatte Sid ihn also doch erkannt. David nickte ihm zu und war gespannt, ob Sid mit ihm sprechen würde. Der schaffte es zwar bis auf zwei Meter an David heran, doch als er sich auf dem Weg ein weiteres Glas Champagner von einem Tablett nahm, trat sein Onkel an ihn heran und nahm ihm das Glas aus der Hand.
»Reiß dich zusammen«, zischte er seinem Neffen zu. »Das mache ich schließlich alles nur für dich.«
Sid brach in ein raues Lachen aus.

»Für mich?«, fragte er. »Doch wohl eher für dich.

Du suhlst dich in Dankbarkeit und Anerkennung für die Errettung deines verlorenen Neffen. Mit mir hat diese langweilige Party nichts zu tun.«
Der Graf packte seinen Neffen am Oberarm und zog ihn von den Leuten weg, die schon neugierig zu ihnen herübersahen. David erkannte in den Gesichtern der Gäste die Gier nach einem Skandal, über den sie sich die Mäuler zerreißen konnten.
»Diesen einen Tag machst du mit«, fauchte der Graf. »Das wirst du mit deinem Kinderhirn wohl noch hinkriegen.«
Wieder lachte Sid. »Ich bin jetzt selbst nach deiner Definition volljährig, schon vergessen?«
Er entzog sich dem Griff seines Onkels, wandte David den Kopf zu, zwinkerte ihm noch einmal zu und tauchte wieder in die Menge ein. Der Graf richtete seine Augen auf David und warf ihm einen grimmigen Blick zu. Schnell wandte sich David wieder dem Buffet zu.
Vor ihm luden sich gerade die drei Damen, die das Gespräch zwischen Onkel und Neffen so neugierig belauscht hatten, die Teller voll. Zum dritten Mal, wenn sich David nicht täuschte. Und er fing ein paar Satzfetzen ihres Gesprächs auf.
»Man hat damals keine Bremsspuren gefunden«, sagte die erste Dame. »Der Wagen ist einfach vor den Baum geknallt.« Sie neigte der Frau neben sich den Kopf zu und flüsterte: »Mein Mann war damals als einer der ersten an der Unfallstelle. Er hat mir erzählt, dass die Gräfin zwischen den Sitzen eingeklemmt war. Sie hat noch gelebt, konnte aber nicht mehr sprechen.«
Die dritte Dame im Bunde schon nun ihren Kopf zwischen die beiden anderen und tuschelte: »Man erzählt sich, dass die Schwester der Gräfin direkt durch die Windschutzscheibe geschleudert ist. Sie soll zwanzig Meter entfernt gelegen haben.«
Die zweite Dame, die offenbar diese Details zum ersten Mal hörte, schlug sich vor Entsetzen eine Hand vor den Mund.
»Das ist Unsinn«, sagte nun die Erste. »Die Gräfin ist an der Unfallstelle verblutet, das Kind in ihrem Bauch soll noch zwanzig Minuten gelebt haben. Die Schwester lag auf der Motorhaube. Aber sie hatte wohl eine so große Wunde am Kopf, dass …«
»Tante Ute!«, sagte in diesem Moment eine Stimme und die Frauen fuhren überrascht herum. Hinter ihnen lächelte Sid.

»Ich hoffe, ihr bekommt genug zu essen auf meiner Party.«

»Oh, mein Junge«, sagte die erste Dame und nickte Sid mit trauriger Mine zu. »Selbstverständlich. Das Buffet hast du ganz hervorragend ausgesucht.«
»Das war Onkel Harald«, sagte Sid. »Er hat das alles hier ganz allein geplant. Ich bin ihm so dankbar, dass ich wieder bei ihm leben darf.«
Die Tante nickte zustimmend. »Harald ist ein guter Mensch. Dass er dich damals sofort aufgenommen hat, rechne ich ihm heute immer noch hoch an. Ich hätte das nicht gekonnt. Also wenn mein Artur bei einem Unfall ums Leben kommen würde, dann wäre ich ja mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als mich um ein fremdes Kind zu kümmern.«
Ein gespieltes Lächeln zog sich über Sids Lippen. »Na na, ganz so fremd war ich ihm ja nicht. Immerhin habe ich hier mit meinen Eltern gelebt.«
»Worüber dein Onkel bis zu dem Unfall alles andere als glücklich war«, mischte sich die dritte Dame ein, bekam dafür aber von der Ersten einen giftigen Blick zugeworfen.
»Meine Mutter und mein Onkel waren sich nicht ganz grün, das ist richtig. Immerhin hat er von meinen Großeltern alles geerbt und sie nur ein bisschen Schmuck.«
»Was hätte deine Mutter denn auch mit all den Gütern und dem Unternehmen anfangen sollen?«, fragte die Dritte. »Sie war ja Schauspielerin und hat in dieser kleinen Show gespielt. Das wäre nichts für sie gewesen. Und der Schmuck war bestimmt sehr wertvoll.«
Sid grinste, als er süffisant sagte: »Das klingt aus deinem Mund, als hätte meine Mutter in einer Peepshow als Stripperin getanzt.«
Er zog die Augenbrauen in die Höhe und fixierte die drei Damen der Reihe nach.
»Ach, Kindchen, so ein Unfug«, sagte die dritte Dame.
Doch David sah ihr an, dass sie genau das gemeint hatte.
»Wenn die Damen mich entschuldigen«, fuhr Sid jetzt fort. »Ich muss mich leider noch ein bisschen besaufen. Ich empfehle mich!«
Er schob sich an den dreien vorbei, die ihm etwas pikiert nach starrten, ging um das Buffet herum und trat neben David.
»Diese alten Zicken gehen mir total auf die Nerven«, murmelte er und griff an David vorbei nach der Champagnerflasche und einem Glas. »Was würdest du an meiner Stelle tun?« Er hob den Blick und sah David herausfordernd an. »Würdest du ihnen sagen, dass es total unangemessen ist, sich an meinem Buffet über den Tod meiner Eltern die Mäuler zu zerreißen und am Leid anderer Menschen aufzugeilen? Oder würdest du sie einfach vor die Tür setzen?« Er goss den Champagner in das Glas, bis es überlief. »Ich habe mich dafür entschieden, alles in diesem«, er blickte auf das Etikett der Flasche und nickte anerkennend, »ziemlich teuren Gesöff zu ertränken.«
Sid setzte das Glas an die Lippen und trank, ohne den Blick von David abzuwenden.

Hitze wallte durch Davids Körper.

In seinen Unterarmen kribbelte es und er spürte, dass er rot wurde. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was er Sid antworten sollte. Aber vermutlich erwartete der auch gar keine Antwort. Wie zur Bestätigung leerte er das Glas, nur um es sofort wieder aufzufüllen.
»Georg!«, schallte die Stimme des Grafen von der Treppe zu ihnen herüber. »Komm her! Ich möchte dich jemandem vorstellen.«
Sid verdrehte die Augen, stellte die Flasche ab und drückte David das Glas in die Hand.
»Versprichst du mir, dass du mich mit Getränken versorgst?«, fragte er leise. David nickte leicht. »Dann sehe ich dich gleich in der Küche.«
Sid drehte sich um und schwankte auf seinen Onkel zu, der sie mit Argusaugen beobachtete. David betrachtete die Flasche und das Glas in seinen Händen, stellte schließlich beides unter den Tisch und wandte sich wieder den Gästen zu, die sich mittlerweile ganz auf die kleinen Gläschen voller Zitronencreme, Früchte und Zabaione konzentrierten. Schnell schwanden die Cremes in den gierigen Mündern und David nutzte die Gelegenheit, kurz in die Küche zu verschwinden, um Nachschub zu holen.
Er hatte das Tablett mit den Gläsern gerade erst auf dem Buffet abgestellt, als sich der Graf neben ihm aufbaute. Gereizt starrte er David an.
»Mein Neffe trinkt keinen Alkohol mehr. Immerhin ist er der Gastgeber.« Der Graf machte eine Pause, als wenn David den Sinn seiner Aussage erst verstehen müsste. »Ich gehe also davon aus, dass du ihm ab sofort jedes weitere Glas verwehrst.« Er bohrte seine Augen in Davids. »Haben wir uns verstanden?«
»Natürlich!«, schoss es aus Davids Mund, bevor er nachdenken konnte.
Was hätte er auch anderes sagen sollen? Dass Sid erwachsen war? Das spielte für den Grafen offensichtlich keine Rolle. Aber jetzt steckte David in einer Zwickmühle, denn Sid hatte ihn ja als persönlichen Champagnerlieferanten auserkoren. Und irgendwie reizte es ihn, zu beobachten, was Sid bereit war, dafür einzugehen. Andererseits hatte der Onkel die Macht, über Davids Wohl oder Wehe zu entscheiden. Wie oft hatte David in den letzten Wochen gehört, dass ohne den Grafen hier in der Region nichts gehe?
Harald Graf von Lehengrund zu Schallenberg wandte sich abrupt ab und ließ David mit dem Nachtisch allein. Der atmete erst einmal tief durch. Dann zog er sein Handy aus der Tasche um auf die Uhr zu sehen. Halb elf. Ein Blick in den Raum zeigte ihm, dass sich die ersten Gäste offenbar schon verabschiedet hatten. Länger als bis halb eins würde diese Party hier vermutlich nicht dauern. David räumte die geleerten Nachtischgläser auf ein Tablett und ging damit in die Küche. Die hatten doch alle einen Knall da draußen, war das Einzige, was ihm zu dieser Feier noch einfiel.
Im Grunde hätte er damit rechnen müssen, doch als ihn Sid in der Küche erwartete, war er doch kurz überrascht, ihn so schnell hier zu treffen. Sid lehnte an einer der Arbeitsflächen, plauderte mit dem Hausdiener Karl, der eine Zigarette rauchte, und wandte sich David sofort zu, als er hineinkam. Ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Hat mein Onkel dich abgefangen und dir verboten, mir Champagner auszuschenken?«

David setzte das Tablett auf der Ablage ab. »So in der Art«, bestätigte er.
»Aber ich verdurste!«, jammerte Sid dramatisch. Er legte Karl einen Arm um die Schultern. »Mein bester Kumpel hier will mir auch nichts mehr geben.«
Der Hausdiener zuckte mit den Schultern. »Du musst selbst wissen, ob du dich aus Protest gegen deinen Onkel abschießt und dafür morgen den Kater in Kauf nehmen willst.«
Sid stöhnte. Dann zog der den Arm zurück, drückte sich von der Arbeitsfläche ab und trat auf David zu. Er blieb so dicht vor ihm stehen, dass David Sids Atem an der Wange spürte. Wieder kribbelten seine Arme und durchdringende Wärme wanderte seinen Hals herauf. Er roch den Alkohol. Aber auch den Geruch eines Deos oder Eau de Toilette, der ihm sanft in die Nase stieg. Ein angenehmer Duft, ausgewählt, wenngleich sich David mit Parfums überhaupt nicht auskannte. Unvermutet sammelte sich bei ihm das Blut in der Körpermitte und sein Schwanz zuckte leicht. Verdammt!
»Gönnst du mir noch ein Glas?«, fragte Sid und klimperte mit den Augen.
David musste dieser Nähe entkommen, sonst würde das hier richtig schief gehen. Immerhin war Sid der Gastgeber, der Sohn des Grafen. Mit dem sollte sich David lieber nicht auf etwas einlassen, was er später bereuen würde. Aber er durfte es sich mit ihm auch nicht vollständig verscherzen. Das war David klar. Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. Sid sah ihn enttäuscht an.
»Ehrlich gesagt, glaube ich auch, dass du schon genug hast«, sagte David behutsam. »Du willst ja nicht zwischen deine Gäste kotzen.«
Sid sah ihn einen Moment lang konsterniert an, dann begann er zu kichern.
»Was für eine fantastische Idee!«, jauchzte er. »Dann mal her mit der Plörre!«
Er wirbelte herum und scannte mit den Augen die Küche ab. Aber der Champagner war im Kühlraum nebenan. David fragte sich, ob Sid noch nie in dieser Küche gewesen war und daher nichts von dem Raum wusste, oder ob er auf naiv machte, um bei David irgendwas zu erreichen.
»Mir ist es ja egal«, sagte David. »Denk aber bitte auch an meine Leute da draußen. Die haben es nicht verdient, deine Kotze wegwischen zu müssen.« David trat auf die Kühlraumtür zu und zog sie auf. »Der Champagner ist übrigens hier!« Er wies in den von einer Neonröhre erhellten Raum hinein.
Sid machte ein paar Schritte auf den Raum zu, stockte dann aber und sah sich nach David um.
»Ok«, sagte er mit resigniertem Ton in der Stimme. Er kam wieder einen Schritt auf David zu. »Dann machen wir einen Deal: Ich trinke ab sofort Wasser. Aber wenn der Puff hier vorbei ist, dann stoßen wir beide draußen auf der Treppe zum Abschluss noch mit einem Glas Champagner an.« Er heftete seine Augen auf Davids Gesicht und streckte die Hand aus. »Einverstanden?«
David schlug ein. »Deal«, bestätigte er.
Karl drückte seine Zigarette aus und verließ kopfschüttelnd die Küche.
Sid warf David noch einen Blick zu, dann schlenderte er hinter dem Hausdiener her in Richtung Halle mit den Gästen. David verharrte in der Küche und fragte sich, was an diesem Abend noch alles auf ihn zukommen würde. Dann macht auch er sich wieder auf den Weg nach draußen.

Die letzten Gäste gingen tatsächlich schon um kurz nach zwölf. In der Zwischenzeit hatten David und seine Hilfskräfte bereits den größten Teil des Geschirrs über den Lieferanteneingang in den Transporter geladen. Nur der Tisch mit den Warmhalteplatten stand noch in der Halle. Um den Prozess nicht unnötig in die Länge zu ziehen, schleppten sie die Sachen durch den Haupteingang nach draußen und dann schickte David seine Leute nach Hause. Sie hatten genug geschuftet. Die verbleibenden drei Kisten mit Gläsern konnte er allein ins Auto bringen.
Er trug die Kisten nach draußen und als er die Heckklappe des Wagens zuschlug, bemerkte er Sid auf der Treppe. Er winkte David zu und rief:

»Du denkst doch an unsere Abmachung?«

»Ich bin gleich fertig«, rief David zurück.
Er wollte eine letzte Runde durch die Küche und die Halle drehen um zu kontrollieren, ob er nichts vergessen hatte. Also eilte er die Freitreppe hinauf, ging an Sid vorbei, der es sich auf der steinernen Balustrade bequem machte und traf in der Halle auf den Grafen.
»Ich habe dann wohl alles«, sagte David und ließ den Blick durch den Raum schweifen. »Ich schaue auch noch mal kurz in der Küche nach und dann werde ich mich auf den Heimweg machen.«
Der Graf wirkte erschöpft und nickte. Er ging nach draußen zu seinem Neffen, während David in der Küche verschwand. Als er in die Halle zurückkam – er hatte nur noch ein leeres Glas gefunden – hörte er die Stimmen des Grafen und seines Neffen von draußen hereinschallen.
»Wie stellst du dir das vor?«, bellte der Graf gerade. »Du erscheinst in dieser albernen Jacke bei deinen Gästen, kippst dir den Champagner wie Saft in den Schlund und redest kein Wort.«
»Was hast du denn erwartet?«, blaffte Sid zurück. »Soll ich wie dein Schoßhündchen alles tun, was du verlangst? Das ist lächerlich!«
David stoppte kurz vor der Tür. In diesen Streit wollte er nicht hineinplatzen.
»Du bist jetzt erwachsen und musst endlich den Arsch hochkriegen!«, fauchte der Onkel. »Du hast genug Zeit in London verloren. Hier läuft das eben anders. Im Herbst beginnst du mit dem BWL-Studium und dann steigst du ins Geschäft ein. Dafür brauchst du Kontakte. Deshalb waren diese Leute hier. Sonst wird das nie was mit dir!«
»Hast du dich mal gefragt, ob ich das überhaupt will?«
»Du wirst das hier alles einmal von mir erben. Hast du das schon vergessen? Aber ich werde dich nur adoptieren, wenn du dich wenigstens ein bisschen bemühst. Die Zeiten des Schlendrians sind vorbei. Basta!«
»Aber ich brauche das alles gar nicht. Ich will dieses Haus nicht. Und nicht den Wald und auch nicht deine Unternehmen. Mach damit, was du willst.«
In der Stille, die jetzt einsetzte, hörte David den Grafen entrüstet schnauben.
»Von irgendwas musst du aber leben«, fuhr der Onkel etwas ruhiger fort. »Und deine Eltern hätten von mir erwartet, dass ich dich ins Familienunternehmen einführe.«
»Was meine Eltern gewollt hätten, steht hier nicht zur Debatte! Wenn du nicht so ein Arschloch wärst, würden die noch leben!«
»Lass die alten Geschichten ruhen. Du weißt genau, dass ich keine Schuld an dem Unfall hatte. Auch ich habe dabei einen großen Verlust erlitten.«
»Ich will leben. Und das kann ich auch ohne dein Geld.«
»Apropos leben: Du wirst sofort damit aufhören, meinen Namen hier in der Gegend in den Dreck zu ziehen!«
Sid lachte. »Was genau meinst du damit?«
»Du weißt genau, was ich meine!«
»Du sprichst davon, dass ich auf Jungs stehe und mich damit nicht verstecke?«
Sids Onkel grunzte zur Antwort.
»Komm klar!«, rief Sid. »Ich lasse mir von dir nichts vorschreiben.«
»Ich will nichts mehr davon hören!«, grollte der Graf. »Ich gehe jetzt ins Bett. Wir reden morgen weiter.«
Im nächsten Moment eilte er herein und rauschte an David vorbei, ohne ihn zu bemerken, weil der im Schatten hinter der Tür stand. Mit dem Grafen wehte ein kühler Lufthauch mit herein. David wartete einen Moment, bis der Graf verschwunden war, dann trat er aus der Tür des Schlosses heraus auf die Treppe. Sid lehnte an der Balustrade und blickte in den Park und die Nacht hinaus. David stellte sich neben ihn. Wieder nahm er Sids Duft wahr. Ein leichtes Kribbeln seiner Unterarme war die augenblickliche Reaktion seines Körpers darauf.

»Ist das mit Eltern auch so kompliziert?«, fragte Sid und wandte David den Kopf zu.

Dessen trauriger Blick irritierte David für einen Moment. Am liebsten hätte er die Arme um den Jungen neben sich geschlungen und ihn getröstet.
»Es ist anders«, sagte er leise.
»Lebst du noch bei deinen Eltern?«
David seufzte. Schwere Themen zu später Stunde. Das war eigentlich nicht so sein Ding.
»Meinen Vater habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Und meine Mutter ist krank.«
»Was hat sie?«
»Depressionen. Oder irgendwie so was in der Art. Ich bin kein Arzt.«
»Ist sie in Behandlung?«
David schüttelte den Kopf. Er wollte jetzt nicht über seine Mutter reden.
»Dann mache ich jetzt mal die letzte Flasche Schampus auf«, sagte Sid und grinste.
Er hockte sich vor der Balustrade auf den Boden und zauberte eine Flasche und zwei Gläser aus dem Schatten. Der Korken flog laut knallend in die Höhe. Der Champagner schäumte in den Gläsern. Sie stießen an und tranken. Der Champagner schmeckte köstlich. David hatte bisher nur Sekt getrunken und war begeistert von dem neuen Geschmackserlebnis.
»Und jetzt zeige ich dir das Haus«, beschloss Sid und schnappte sich die Flasche. Er ging in das mittlerweile dämmerige Licht der Eingangshalle hinein und als David ihm nicht sofort folgte, hielt er noch einmal inne und sah sich nach ihm um. »Komm!«
Er streckte die Hand nach David aus.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das elfte Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare. Ich freue mich auf deine Rückmeldungen.


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