TikTok

Klingelingeling, TikTok

Meine Erfahrungen mit der Videoplattform.

Anfang Oktober erschien auf der Website der Tagesschau ein Artikel mit dem Titel „TikTok schränkt die Meinungsfreiheit ein“. Im Prinzip war diese Meldung erst Mal nichts Überraschendes. TikTok ist ein privates Unternehmen, so wie Facebook, Youtube und Instagram auch, und der Umgang mit Meinungen ist auf all diesen Plattformen diskussionswürdig. Und weil es ein privates Unternehmen ist, steht es der Unternehmensführung natürlich zunächst frei, die Bedingungen für das, was auf ihren Seiten geschieht, selbst festzulegen. Wir alle stimmen den Nutzungsbedingungen und anderen rechtlichen Grundlagen bei der Anmeldung auf diesen Plattformen mit einem Klick zu. Ohne diesen Klick können wir nicht am sozialen Medienwahnsinn teilnehmen.

Dass die Verbreitung von Kinderpornografie unterbunden werden muss, dass Geschäfte mit Drogen, Sklaven und Prostitution nicht gebilligt werden dürfen – all das steht außer Frage. Aber was ist mit Minderheiten und Randgruppen? Instagram und Facebook gerieren sich als weltoffene Unternehmen, in denen jeder zu seiner Art des Seins stehen darf und soll. Natürlich gibt es auch hier Einschränkungen, beispielsweise im Bereich Sex. Das kalifornische Unternehmen Meta, zu dem Instagram und Facebook gehören, begründet dies mit den amerikanischen Gesetzen, denn der Hauptsitz befindet sich nun mal auf amerikanischem Territorium.

Westen gegen Osten

Ähnlich sieht es bei TikTok aus. Auch hier gibt es Einschränkungen in dem, was die User posten und zeigen, sagen und schreiben dürfen. Aber dabei handelt es sich um Einschränkungen auf der Basis chinesischer Gesetze und chinesischer Moralvorstellungen. Denn schließlich ist TikTok ein chinesisches Unternehmen. Die Konsequenzen sind aber ungleich dramatischer als bei den amerikanischen Plattformen.

Zwar gibt es in China keiner Gesetze mehr, die homosexuelle Handlungen verbieten, aber in den Medien wird immer wieder gegen die LGBTQ-Community gehetzt. Darüber hinaus wird von Repressalien durch Polizei und Justiz gegen queere Menschen berichtet.

Im Prinzip reagieren wir in Europa ja auf Informationen dieser Art aus China erstmal relativ gelassen. China ist weit weg. Und kaum einer verlegt seinen Lebensmittelpunkt von hier aus so weit in den Osten. Wir beschäftigen uns ja auch nicht mit der Verfolgung queerer Menschen in Uganda und sprechen lieber nicht über die Situation in Russland. Und selbst die Entwicklungen in Ungarn und Polen lassen uns eher kalt. Das soll die Politik regeln. Wir leben ja in Mitteleuropa und sind zivilisiert.

Wer TikTok nutzt, lässt sich auf die chinesische Moral ein
Doch dann gibt es ja auch unter die Menschen – vor allem Jugendliche, Kinder und junge Erwachsene – die sich täglich viele Stunden bei TikTok aufhalten. Und bei TikTok prallen Orient und Okzident aufeinander, ohne dass uns das ständig bewusst ist. Wir surfen auf dieser Plattform zu chinesischen Konditionen. Wir akzeptieren die chinesischen Moralvorstellungen. Und dazu gehört unter anderem, dass bestimmte Worte und Formulierungen nicht benutzt werden sollten, denn verstößt man dagegen, werden die gedrehten Videos in der Auslieferung an die User.innen ausgebremst. So zumindest steht es im Artikel der Tagesschau, der auf einer gemeinsamen Recherche mit dem NDR basiert.

Ich bin bei TikTok. Denn dort ist ein Teil der Zielgruppe für meine GayStorys unterwegs. Und diese Menschen möchte ich erreichen. Also habe ich Filme hochgeladen und mich (noch vor Erscheinen des Artikels) manchmal gewundert, warum das eine Video besser lief und ein ähnliches schlechter. Also habe ich letzte Woche (nach der Lektüre des Artikels) die Probe aufs Exempel gemacht: Ich habe ein Video gedreht, im dem ich genau über diese Einschränkungen spreche. Ich habe dabei die verpönten Worte „gay“ und „schwul“ benutzt und diese auch in der Videobeschreibung mit Hashtags verlinkt. Den Button „Homophobie“ habe ich plakativ auf dem Vorschaubild platziert.

Was glaubst du, ist passiert?
Während meine bisherigen Videos immer ungefähr 250 Mal ausgespielt wurden, bis sie in der Welt des Vergessens versanken, wurde dieses Video exakt null mal gezeigt.

Zum Vergleich habe ich ein fast identisches Video hochgeladen, dabei keine verfänglichen Hashtags oder Buttons eingesetzt, mit dem Ergebnis, dass es immerhin 243 Mal ausgespielt wurde. Deutlicher kann man die Einschränkungen durch den Konzern TikTok nicht demonstrieren.

Ich musste mich nicht einmal aufregen, denn ich hatte ja quasi damit gerechnet, dass es so läuft. Wenn auch nicht in dieser deutlichen Diskrepanz.

Exkurs
Auf TikTok gibt es eine breite Community an queeren Menschen, die Filme über sich und ihr Leben drehen. Einige haben viele Tausend Follower und exponieren sich fast schon exibitionistisch. Mir ist es ein unfassbares Rätsel, wieso diese Videos ausgespielt werden. Denn das sind die mir vollkommen unverständlichen Gegenbeispiele für die Ergebnisse der Tagesschau-Untersuchung.
Exkurs Ende.

Aber jetzt habe ich ein Problem
Bei TikTok gibt es eine große Buchcommunity. Immer mehr Autor.innen legen sich Accounts zu, zeigen ihre Werke und selbst die oft sehr trägen deutschen Verlage steigen in das Geschäft mit den Videos ein. Mit meinen Themen MUSS ich quasi auf dieser Plattform präsent sein, wenn ich nicht auf einen Teil meiner Kundschaft verzichten möchte. Facebook ist längst tot, bei Instagram ist zwar noch Bewegung drin, aber Marc Zuckerbergs Neuerungen erscheinen immer häufiger wie ein Abklatsch von dem, was TikTok macht. Und dann gehen die Menschen vermutlich lieber zum Original, als zu der Kopie. TikTok ist also der neue Marketingkanal für jüngere Zielgruppen. Dem muss ich mich in gewisser Weise unterwerfen.

Allerdings treffen mich die oben erwähnten Einschränkungen ganz tief in meiner Ehre. Ich bin schwul. Ich habe dafür gekämpft, so sein zu können, wie ich bin. Und ich bin verdammt stolz darauf, dass ich meinen Weg bis zu dem Punkt, an dem ich heute stehe, (weitgehend) konsequent gegangen bin. Denn das war nicht immer leicht. Und ich möchte anderen Menschen mit meinen Büchern Mut machen, will sie überzeugen, zu sich zu stehen, ich will diejenigen, die sich für queere Menschen einsetzen, stärken. Und das kollidiert jetzt mit dem System TikTok.

Kann ich meine Bücher bei TikTok wirklich guten Gewissens anpreisen und damit Content für einen homophoben Konzern liefern? Ohne die User, die regelmäßig Tausende von Videos hochladen, könnten weder TikTok, noch Instagram, Facebook und Youtube überleben. Ich liefere TikTok also die Inhalte, damit das Unternehmen mit bezahlter Werbung Umsatz generiert.

Das tut mir jeden Tag aufs Neue weh.

Müsste ich nicht eigentlich meinen TikTok-Account löschen und zu meinen Idealen stehen?

Ich habe keine Lösung für mein Dilemma.

Was würdest du an meiner Stelle tun? Schreib mir bitte deine Meinung unten in die Kommentare. Vielleicht komme ich dabei ja auf neue Ideen.


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