Dorfidylle

Dorfidylle #13

Der Morgen danach.

David fuhr erschrocken aus dem Schlaf hoch und hatte keine Ahnung, wo er war. Sein Gesicht war nass und zwei schwarze Augen starrten ihn an. Bella! Sids Hündin schleckte ihm mit ihrer nassen Zunge über die Wange und jetzt wusste David auch, warum sein Gesicht so triefte. Erleichtert ließ er sich wieder auf die Matratze sinken.
»Bella!«, raunte er. »Lass das sein.«
Neben sich hörte er ein leises Lachen. David wandte den Kopf und sah Sid direkt vor sich.
»Bella weiß, was gut ist«, sagte Sid und wischte ihm mit dem Bettlaken über das Gesicht. »Du musst gehen, bevor mein Onkel aufsteht.«
Stöhnend drehte sich David zu Seite und tastete nach der Bettdecke. Draußen schien es noch dunkel zu sein und er wollte auf keinen Fall aufstehen.
»Dich könnte ich zwar durch den Lieferanteneingang schleusen, aber der Transporter steht noch in der Einfahrt. Den sollte mein Onkel besser nicht sehen.«

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Also richtete sich David auf und stellte die Beine auf den Fußboden.
»Warum eigentlich nicht?«, erkundigte er sich. »Du bist doch erwachsen und offenbar weiß er, dass du schwul bist.«
»Du kennst meinen Onkel nicht. Und ich bin leider abhängig von ihm.«
David versuchte immer noch, wach zu werden. Er zog das Handy aus seiner Hosentasche. Halb sechs. Das war einfach nicht seine Zeit.
»Und warum suchst du dir dann nicht einfach einen Job?«, fragte er weiter.
Als er sich umsah, blickte er in erschrockene Augen.
»Ich weiß ja noch gar nicht, was ich mit meinem Leben anfangen will«, antwortete Sid und eine steile Falte erschien zwischen seinen Augen.
»Du musst den Job ja nicht den Rest deines Lebens machen. Einfach erst mal nur, um eigenes Geld zu verdienen.«
»Ich weiß nicht … Ich hab doch hier alles. Warum sollte ich irgendeinen blöden Job machen?«
David wurde klar, dass er so nicht weiterkam. Er selbst hatte es immer vorgezogen, für das zu arbeiten, was er brauchte. Er hatte schon zu Schulzeiten immer irgendwo gejobbt. Werbung austragen, Hunde ausführen, solche Sachen halt. Nichts Aufregendes. Aber auf diese Weise hatte er sich beispielsweise das Geld für sein Fahrrad zusammengespart. Er zog sich widerwillig an. Die Klamotten stanken noch nach dem Schweiß der Arbeit. Auf dem Hemd entdeckte er einige Flecken. Als er in seine Schuhe schlüpfte, legte Sid ihm eine Hand auf die Schulter.
»Schön war´s mit dir«, sagte er.
David wandte sich zu ihm um und sie küssten sich zum Abschied.
»Findest du den Weg allein?«, fragte Sid und gähnte.
David hatte gehofft, Sid würde ihn wenigstens noch bis zur Tür bringen. Er nickte trotzdem, stand auf und kraulte Bella zwischen den Ohren, bevor er das Schlafzimmer verließ, durch das Wohnzimmer ging und die Tür zum Flur öffnete.
»Lass die Tür offen«, rief Sid. »Dann kann Bella im Haus herumlaufen.«
Bella begleitete David bis ins Erdgeschoss, blieb jedoch an der Tür stehen, als David nach draußen trat. Der Himmel färbte sich im Osten rötlich. Die Luft war frisch und es roch nach Frühling. Überall in den Bäumen zwitscherten Vögel und er sah ein paar Kaninchen auf dem Rasen vor dem Schloss sitzen, die sofort davon hoppelten, als er die Treppe herabstieg. David warf einen Blick zurück. Bella stand in der Tür, die er offengelassen hatte, falls sie auch ein wenig frische Morgenluft schnuppern wollte. Die Front des Gutshauses war dunkel. Die meisten Zimmer gingen vermutlich nach hinten zum Park raus. Sollte der Graf also wider Erwarten schon wach sein, würde er vermutlich gar nicht mitbekommen, dass David sich gerade aus seinem Haus schlich. Lediglich der Transporter – ein Diesel älteren Baujahrs – würde ihn unter Umständen verraten. Aber daran konnte David nichts ändern. Und letztlich war das auch nicht sein Problem, sondern das von Sid.
»Guten Morgen!«, schallte ihm vom Tor zur Landstraße eine laute Stimme entgegen.
David erstarrte. Graf Harald marschierte mit zügigen Schritten auf ihn zu.
»Guten Morgen«, antwortete David zögerlich.
Er wollte so schnell wie möglich hier weg. Bella stürzte die Treppenstufen herunter und sprang auf den Grafen zu, der sie mit einem knappen Befehl zurechtwies. Die Hündin beruhigte sich und trabte dann hechelnd neben ihm her. Als sie bei David ankamen, stoppte der Graf und fixierte ihn.
»Ich dachte, die Mitarbeiter von Konrad wissen, wie man sich verhält«, sagte er mit eisiger Stimme.
»Was meinen Sie damit?«, erkundigte sich David in einer Mischung aus Irritation und Rebellion.
Der Graf zog die Augenbrauen hoch.
»Ich ziehe es vor, dich hier nicht noch einmal zu sehen«, sagte der Graf und ging weiter. Im Vorbeigehen warf er David dann noch zu: »Ich werde mit Konrad darüber sprechen. Und ich bin sicher, du weißt, was das für dich bedeutet.«
David wurde kalt. Er hatte eine Ahnung, wie Konrad reagieren würde, wenn er erführe, dass David die Nacht bei Sid verbracht hatte. Über den Grund, warum er um diese Zeit noch hier auf dem Schloss war, gab es nicht viel zu spekulieren. Ihm lag auf der Zunge, noch etwas zu dem Grafen zu sagen, entschied sich dann aber, lieber zu schweigen. Er hatte Mist gebaut und jetzt musste er eben mit den Konsequenzen leben.
Bella war mit wedelndem Schwanz bei ihm stehengebleiben und sah ihn mit ihren dunklen Augen an. David streckte die Hand nach ihr aus, schreckte jedoch zusammen, als der Graf nach ihr rief und sie sich tatsächlich abwendete und hinter ihm her trottete. An einem der Fenster links oben nahm David eine Bewegung wahr. Kurz erhaschte er Sid hinter der Scheibe und gerade wollte er ihm zuwinken, doch da war das Gesicht schon wieder verschwunden. Vielleicht war Sid ja auf dem Weg zu ihm, um ihn zu unterstützen. Langsam ging David auf den Transporter zu. Doch Sid erschien nicht. Als er noch einmal zum Haus zurücksah, stand der Graf oben an der Balustrade der Treppe. Neben ihm hockte Bella. Sie wirkte auf die Entfernung wieder ziemlich bedrohlich und wenn David es nicht anders wüsste, hätte er vermutlich gehörigen Respekt vor ihr.
Er seufzte und schoss den Transporter auf. Innen roch es nach Champagner und Essensresten. David startete den Motor, warf noch einen Blick hinauf zur Tür des herrschaftlichen Hofes, er gab Sid noch eine letzte Chance, zu erscheinen. Doch als sich an der Situation nichts veränderte, wendete er das Fahrzeug und fuhr über den Kiesweg in Richtung Landstraße. Er wollte wenigstens den Wagen rechtzeitig abliefern, um Konrad nicht auch noch Gründe für eine Rüge oder sogar einen Rauswurf zu geben.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das dreizehnte Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare. Ich freue mich auf deine Rückmeldungen.


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