Dorfidylle

Dorfidylle #17

Tischtennis.

Drei Tage später radelte David am frühen Abend vom Hotel zum Training. Mit Kevin hatte er in der Zwischenzeit ein paarmal hin und her geschrieben und der schien ihm nichts nachzutragen, war aber immer noch sauer wegen Kristin. Aber David hatte sich nicht getraut, mit Kristin zu schreiben oder sogar zu sprechen. Er vermutete, dass sie weiterhin verletzt war und er konnte nicht einschätzen, wie sie mittlerweile auf ihn zu sprechen war.
»Man hört ja interessante Dinge von dir!«, rief ihm Kevin entgegen, als David sein Fahrrad neben der Treppe zur Sporthalle abstellte.

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Kevin saß gemeinsam mit Paula und Kristin auf den Stufen. Ein fremder Junge lehnte ein paar Meter weiter am Treppengeländer und zog an einer Zigarette.
»Was hast du denn gehört?«, fragte David und bereitete sich innerlich auf einen verbalen Angriff vor.
»Bist du David?«, fragte der Unbekannte und trat seine Kippe aus.
David musterte ihn. Jetzt fiel ihm ein, dass er ihn schon ein- oder zweimal im Bullen gesehen hatte, bevor er selbst da angefangen hatte zu arbeiten. Er konnte ihn nicht einschätzen und wusste auch nicht, was der hier machte.
»Wer will das wissen?«, entgegnete David mit scharfem Unterton.
Er spürte leichte Aggression in sich aufkeimen.
»Moritz hat bisher Badminton gespielt«, sagte Kevin. »Aber sein Trainer ist weggezogen und jetzt will er es mal mit Tischtennis versuchen.«
Moritz sah David mit einem schiefen Grinsen an.
»Im Grunde ist das Netz ja nur ein bisschen kleiner und der Ball fliegt schneller«, sagte er. »Oder gibt es noch mehr Unterschiede?«
Kevin lachte. David realisierte, dass Moritz eigentlich ganz nett aussah. Er fand ihn sogar ziemlich attraktiv. Aber solche Gedanken sollte er sich wohl besser verkneifen. Er wusste ja gar nichts über Moritz und David hatte nicht die geringste Lust, sich mit einer unbedachten Bemerkung in die Nesseln zu setzen.
»Je nachdem, wie du Badminton gespielt hast, wirst du schon noch ein paar andere Unterschiede entdecken«, konterte David also.
»Ach, du meinst den kleinen Schläger?«, frotzelte Moritz. »Damit komme ich klar. Wobei große Dinger ja deutlich besser in der Hand liegen.«
Eine Hitzewelle raste über Davids Gesicht. Hatte Moritz gerade eine anzügliche Bemerkung gemacht? Vermutlich nicht und er hatte das einfach nur missverstanden. Vermutlich wollte er den Kommentar missverstehen.
»Alles gut bei dir?«, erkundigte sich Kevin amüsiert. »Du bist ganz rot im Gesicht geworden.«
Er lachte sich schlapp und David wandte sich ein wenig ab, damit seine Gesichtsfarbe nicht so auffiel. Er streifte dabei Moritz kurz mit den Augen, der aber kaum eine Miene verzog, sondern lediglich die Mundwinkel ein wenig anhob.
»David hat mich bestimmt missverstanden«, sagte Moritz. »Ich habe vom Sport gesprochen.« Er sprach, ohne den Blick von ihm abzuwenden. »Oder was hast du gemeint, wovon ich spreche?«
David schüttelte den Kopf und suchte verzweifelt nach einem Thema, das die anderen von ihm ablenken könnte.
»Meine Oma hat dich am Sonntag ganz früh gesehen«, sagte Paula jetzt. »Sie war mit dem Hund draußen im Wald unterwegs. Du bist morgens um sechs mit dem Auto vom Hof des Schlosses gefahren.« Spätestens jetzt waren alle Augen auf David gerichtet. »Was hast du denn da so früh gemacht?«
Wieder wurde David von einer Hitzewelle überrollt und er war noch weniger in der Lage, irgendetwas Vernünftiges zu sagen. In Kristins Gesicht bemerkte er eine steile Falte zwischen den Augen. Sie sah ihn irritiert an. Moritz grinste jetzt noch breiter und Kevin kicherte leise in sich hinein.
»Ich habe auf dem Schloss gearbeitet«, murmelte David und befürchtete sofort, seine Situation dadurch nicht besser gemacht zu haben. »Ist halt spät geworden.«

»Du hast ernsthaft die ganze Nacht durchgearbeitet?«,

fragte Kevin. »Was haben die denn gefeiert? Ich habe nur mitbekommen, dass im ganzen Dorf so Protzkarren rumgefahren sind und alles verstopft haben. Da muss ja ne ganze Menge losgewesen sein.«
David atmete einmal tief durch. Jetzt bloß nichts Falsches sagen!
»Georg hat seinen einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und ich habe die Party gemanagt.«
»Die Leute, die ich im Dorf gesehen haben, sahen echt alt aus«, sagte Kevin. »Die haben bis morgens um sechs gefeiert? Really? Du willst uns doch verarschen.«
»Oder hast du Sid noch ein paar persönliche Geburtstagsgrüße gebracht?«, erkundigte sich Moritz und stieß danach mit der Zunge ein paarmal von innen gegen die Wange.
Jetzt kochte in David die aufgestaute Energie über. Er hatte keine Lust, sich für das zu verteidigen, was er war. Er trat mit erhobenen Fäusten auf Moritz zu.
»Wer bist du denn eigentlich, dass du glaubst, so eine Scheiße von dir geben zu dürfen?«, fauchte David ihn an. »Du kommst hier an, machst einen auf cool, aber dann fallen dir nur bescheuerte Sprüche ein!«
Kevin sprang auf und stellte sich David in den Weg. Er stemmte ihm die Arme auf die Brust und hinderte ihn so, weiter auf Moritz zuzugehen. David war ihm im Grunde dankbar für das Eingreifen, denn er wusste plötzlich nicht mehr, warum er gleich so an die Decke ging, als wäre in ihm etwas explodiert.
»Was ist eigentlich mit dir los?«, mischte sich jetzt Kristin ein. Sie hatte sich ebenfalls von den Stufen erhoben und kam jetzt auf sie zu. »Ich verstehe dich echt nicht mehr. Irgendwas ist dir doch passiert, dass du in letzter Zeit so aggressiv bist.«
David spürte die Angst sein Rückgrat hochkriechen. Am liebsten hätte der den anderen gesagt, sie sollten einfach vergessen, was in den letzten Minuten passiert war. Aber das würden sie nicht akzeptieren. Dafür kannte er sie zu gut.
»Ich vermute ja«, sagte Moritz, »dass er was mit dem jungen Grafen angefangen hat und ihm das jetzt peinlich ist, weil er sich hat ausnutzen lassen, wie in Sexsklave.«
Wieder brodelte der Zorn in David auf und er versuchte, an Kevin vorbeizukommen. Doch der stemmte sich ihm eisern entgegen.
»He!«, grollte er David ins Gesicht. »Komm mal runter!«
Noch einmal versuchte David, an ihm vorbeizukommen, wieder ohne Erfolg.
»Du hast echt keine Ahnung!«, schrie er Moritz an. »Warum machst du dir nicht einfach Gedanken um was anderes? Was geht es dich an, dass ich auf Jungs stehe.« Davids Stimme überschlug sich beinahe. Sie klang jetzt völlig überzogen schrill. »Ja, ich bin schwul. Hast du irgendein Problem damit?«
Seinem Geschrei folgte Stille. Ein letztes Mal stürmte David gegen Kevin an. Dann gab er auf. Kevin hielt ihn immer noch fest, musste sich aber nicht mehr gegen ihn stemmen, denn David taumelte. Er fühlte sich schwindelig. Er griff nach Kevins Arm, um sich an ihm festzuhalten. Dann stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Tränen der Wut, Tränen der Frustration, Tränen der Scham. Er senkte den Kopf auf die Brust und ließ seine Arme schlaff neben sich herabhängen.
Niemand von den anderen sagte ein Wort. David hörte sich selbst hektisch atmen. Sein Herz pulsierte wie nach einem 100-Meter-Lauf. Seine Knie begannen leicht zu zittern. Was hatte er getan? Hatte er das gerade wirklich gesagt? Einerseits war er erleichtert, dass es jetzt endlich raus war. Andererseits hatte er plötzlich riesigen Schiss vor der Ablehnung durch seine Freunde.
Mitten in der Stille legte Kevin die Arme um ihn und drückte ihn an sich. David spürte den Körper seines Freundes und wusste sofort, dass Kevin ihn nicht verurteilen würde.
»Endlich stehst du dazu«, murmelte Kevin ihm in die Halsbeuge. »Mein Gott, wie lange habe ich darauf gewartet, dass du den Scheiß mal aussprichst.«
Die Tränen liefen Davis weiter aus den Augen. Kevins T-Shirt unter seinem Gesicht wurde ganz nass von ihnen. Er spürte Kevins Hand auf dem Kopf, die ihn sanft streichelte. Langsam atmete David wieder ruhiger. Sein Herzschlag normalisierte sich allmählich.
»Hat er das jetzt etwas zum ersten Mal gesagt?«, fragte Moritz vorsichtig. »Ich meine … das wusste doch alle, oder?«
David erstarrte. Dann stimmte es also, dass die Leute um ihn herum längst geahnt hatten, was mit ihm los war? Seine Mutter hatte ihm damit ständig in den Ohren gelegen. Das wusste er. Und ich Kevin hatte neulich eine Bemerkung gemacht. Warum hatte er das nicht wahrhaben wollen? David löste sich vorsichtig aus Kevins Armen. Sein Freund sah ihn freundlich an.
»Gehts wieder?«, fragte Kevin.
David nickte.
Als er den Kopf hob, sah er Kristin auf sich zukommen. Sie wirkte immer noch ein wenig durcheinander, nahm ihn dann aber in die Arme.

»Du bist echt ein Idiot«,

sagte sie leise zu ihm. »Warum hast du denn nie was gesagt?«
Sie drückte ihn und er legte seine Arme um sie. Wie hatte er bloß an seinen Freunden zweifeln können.

Nach dem Training zogen sie sich in den Umkleiden um. Moritz taperte mit seinem Handtuch um die Hüften in Richtung Duschen und auch Kevin machte sich auf den Weg. Vor dem Durchgang stoppte er und drehte sich zu David um.
»Kommst du jetzt endlich mal mit duschen?«, fragte er grinsend.
Als sich David gerade damit herausreden wollte, noch eine Runde laufen zu wollen, verdrehte Kevin die Augen.
»Hör mal«, sagte er. »Das ist doch bescheuert. Lass den Scheiß jetzt mal. Ich guck dir schon nichts weg und ich hab auch keinen Schiss davor, dass du mir auf den Schwanz guckst. Das ist normal und das machen alle. Auch wenn ich hetero bin. Okay? Also reiß dich zusammen und wasch dir den Schweiß vom Körper. Los jetzt!«
Dann ging auch er in den Duschraum. David hörte ihn mit Moritz lachen. Die Duschen sprangen an. Langsam zog sich David die Shorts von den Beinen. Als er um die Ecke bog, seiften sich Moritz und Kevin gerade ein und bekamen offenbar gar nicht sofort mit, dass er auch da war. David stellte sich unter einen der Duschköpfe und drehte das Wasser auf. Eine Weile verharrte er mit nach oben gerichtetem Gesicht unter dem warmen Strahl. Es tat so gut, sich all den Dreck von der Haut zu spülen. Er könnte hier stundenlang stehen und einfach nur das Wasser auf seinem Körper spüren.
Schlagartig wurde das Wasser eiskalt. David zuckte zusammen, sprang zur Seite und sah sich irritiert um. Neben ihm brach Kevin in schallendes Lachen aus.
»Beim Duschen musst du aufpassen«, rief er vergnügt. »Und lass bloß nicht die Seife fallen und bück dich nie nach etwas auf dem Boden. Wer weiß, wer da gerade neben dir steht!«
Etwas fassungslos starrte David ihn an. Doch bevor er etwas sagen konnte, schlich sich Moritz seitlich an Kevin heran und holte mit seinem Handtuch zum Schlag aus. Im letzten Moment bemerkte Kevin ihn und griff nach dem wirbelnden Handtuch.
»David!«, brüllte er. »Hilf mir! Der Neue will mich umbringen!«
Die beiden rangelten um das Handtuch und David entschied sich in Sekundenschnelle, einzugreifen. Er packte ebenfalls nach Moritz´ Handtuch und gemeinsam mit Kevin zogen sie Moritz quer durch den Duschraum. Als der die Übermacht einsah, ließ er los, hechtete zu den Haken, an denen ihre eigenen Handtücher hingen, und hielt sie provozierend unter eine ausgestellte Dusche.
»Und was macht ihr jetzt?«, fragte er lachend.
Kurzerhand hielt Kevin das Handtuch in seinen Händen unter einen der anderen Duschköpfe und stellte das Wasser an. David hechtet los, um Kevins und sein Handtuch zurückzuerobern, doch Moritz war schneller. Er versuchte, in die Umkleiden zu entkommen. Kevin warf das pitschnasse Handtuch nach ihm und traf ihn im Rücken. Moritz wurde aus dem Schwung gebracht, verfehlte den Durchgang und donnerte gegen die Fliesen. Im nächsten Moment waren Kevin und David bei ihm. Sie zerrten den um sich schlagenden Moritz unter die nächste Dusche und stellten das Wasser an. Eiskalt.
Am Ende waren sie alle drei nass und verschwitzt und außer Atem und keiner von ihnen hatte mehr ein trockenes Handtuch. Lachend trockneten sie sich mit den Sportklamotten oberflächlich ab und stiegen in ihre trockenen Klamotten. Und zum ersten Mal seit Langem hatte David das Gefühl, wirklich dazuzugehören.
Erschöpft und zufrieden radelte er nach Hause. Er fühlte sich sauwohl, trotz der widrigen Umstände, in denen er lebte. Wenn er gewusst hätte, wie sehr ihn das folgende Wochenende wieder aus dem Trott bringen würde, wäre er vermutlich nicht so entspannt nach Hause gefahren.

© Stephan Meyer, Köln 2022 – Alle Rechte vorbehalten


Das war das siebzehnte Kapitel des Fortsetzungsromans Dorfidylle. Hast du Fehler gefunden? Ist irgendwas unlogisch? Schreib es mir unten in die Kommentare. Ich freue mich auf deine Rückmeldungen.


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