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Allgemein Buchvorstellung

Die Emanzipation einer ganzen Familie

Gulraiz Sharif: Ey hör mal!

Mit Norwegen verbindet mich ein großer Haufen Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend. Mit Schweden noch mehr. Aber das steht jetzt nicht zur Diskussion. Aus Skandinavien kommen nicht nur fantastische Krimis und Thriller, sondern auch immer wieder hervorragende Kinder- und Jugendbücher. Astrid Lindgren ist uns allen ein Begriff und kaum einer von uns hat keines ihren Bücher bei sich im Regal stehen. Sofies Welt von Jostein Gaarder haben auch viele gelesen oder es zumindest versucht. Und immer wieder stehen skandinavische Kinderbücher auf den Shortlists der Literaturpreise. Der Grund dafür liegt vor allem darin, dass die Schweden, Dänen und Norweger (für die Isländer und Finnen kann ich das nicht so genau sagen) Bücher für Kinder und Jugendliche als ebenbürtige Literatur begreifen. Die Titel werden in den üblichen Medien genauso besprochen wie die Belletristik für Erwachsene. Anders als in Deutschland, wo nicht nur zwischen ernster Literatur und Unterhaltungsliteratur unterschieden wird, sondern natürlich auch für Kinder- und Jugendbücher nur in Ausnahmefällen eine Sonderseite in einer überregionalen Zeitung erscheint. Fakt ist, dass Bücher für Kinder und Jugendliche in Deutschland vom Feuilleton so gut wie nicht wahrgenommen und nur selten besprochen werden.

Die Skandinavier sind anders
Die Skandinavier begreifen Kinderbücher und Jugendbücher also gleichwertige Literatur. Die Verlage sind mutiger und nehmen auch Titel in ihre Programme auf, die nicht den Standards entsprechen. In Deutschland beschränkt man sich diesbezüglich meistens auf ausländische Lizenzen und Übersetzungen, denn dann weiß man ja als Verlag, dass das Buch (im Ausland) schon einmal funktioniert hat.

Eines der Werke, das auf diese Weise den Weg in den deutschen Buchhandel gefunden hat, ist der Roman Ey hör mal! von Gulraiz Sharif, den ich gerade gelesen habe. Im Fokus der Geschichte steht der fünfzehnjährige Ich-Erzähler Mahmoud, der mit seiner Familie im Osten Oslos lebt. Der Vater ist Taxifahrer und die Mutter putzt in der Universität die Klos. Bis hierher ist es die Geschichte einer ganz normalen ausländischen Familie, die sich in Norwegen damit abgefunden hat, zur Unterschicht zu gehören.

Aber dann ist da noch Mahmouds kleiner Bruder Ali, zehn Jahre alt, der den Schmuck seiner Mutter, Schminkvideos bei YouTube und Barbies liebt. Und der seinem großen Bruder mitten in den Sommerferien, gerade als ein Onkel aus Islamabad zu Besuch ist, erzählt, dass er im falschen Körper gefangen ist und lieber ein Mädchen wäre. Bämm!

Mahmoud versucht nun, das Outing seines Bruders beziehungsweise seiner neuen Schwester zu organisieren. Und das bringt ihn ganz schön ins Schwitzen. Die ganze Familie – einschließlich des Onkels – muss sich mit den Veränderungen auseinandersetzen und den Weg der Emanzipation gehen. Anders geht es nicht.

Oslo, die wunderbare Stadt – zumindest im Sommer
Dieser Roman löst bei mir eine Menge Erinnerungen und Gedanken aus. Da ist natürlich zum Einen die Stadt, die in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Oslo ist mit immerhin 700.000 Einwohnern die größte Stadt Norwegens, in der sich ein wichtiger Teil der Kultur des Landes abspielt. Und ich bin oft in Oslo gewesen, wenn ich in Schweden meinen Urlaub verbracht habe. Ich erkenne die Orte des Buches wieder und schwelge in Erinnerungen an die schönen Zeiten, die ich im Frognerpark, auf Aker Brygge und in Grønland verbracht habe. Ich erinnere mich an die kleinen Cafés mit dem fantastischen Möhrenkuchen, an die Bilder von Edvard Munch und das Museum mit dem Forschungsschiff FRAM. Wobei man ganz klar sagen muss: Im Sommer ist es deutlich schöner in Oslo als im Winter. Denn sobald die Touristen weg sind, stirbt diese Stadt einen elenden Tod in die depressive Dunkelheit und wacht erst wieder auf, wenn im nächsten Frühjahr die Segler aus dem Süden erneut in den Häfen anlegen.

Norwegen ist vollkommen anders als Deutschland
Gedanken löst der Roman aber auch hinsichtlich des Outings des kleinen Ali aus. Die Skandinavier sind uns gesellschaftlich immer viele Jahre voraus. Die Rechte von queeren Menschen werden dort schon viel länger unter den Schutz des Staates gestellt. Die Aufklärung ist deutlich weiter fortgeschritten. So wird in dem Roman mehrfach darauf hingewiesen, dass queere Menschen in der durchschnittlichen Familie der „norwegischen Norweger“ im Grunde zum Alltag gehören. Hier treten also drei Unterschiede zutage. Erstens die Unterscheidung zwischen den norwegischen Norwegern einerseits und den pakistanischen Norwegern andererseits. Zweitere leben in einer Parallelgesellschaft, in der das Outing eben noch nicht zur Tagesordnung gehört. Zweitens die Unterscheidung zwischen einem schwulen/lesbischen Outing hier und dem Trans-Outing dort. Es scheint fast so, als sei das „normale“ Outing in Norwegen längst kein Problem mehr (mal abgesehen von den Parallelgesellschaften) und man gehe jetzt zur nächsten Stufe über. Was gut ist. Und drittens ist da der Unterschied zwischen Norwegen und Deutschland. Während die Queerness in einem skandinavischen Land offenbar keiner Erwähnung mehr bedarf, sieht es bei uns immer noch ganz anders aus. Die Statistiken berichten von einer steigenden Anzahl an Übergriffen auf queere Menschen. Und das ist alles andere als gut.

Ich habe Ey hör mal! mit Begeisterung gelesen und lege es euch wärmstens ans Herz!

Auf Deutsch erschienen im Arktis Verlag
Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels


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