Bücher schreiben am einsamen See

Stephan Martin Meyer

Ein Klischee oder Realität?

Viele haben von der Arbeit der Schrifteller.innen die Vorstellung, dass man beim Schreiben gemütlich auf dem Balkon sitzt, in einem Café schreibt oder an einem einsamen See arbeitet. Man könnte sich vorstellen, entspannt ins Grün hinter dem eigenen Haus zu gucken, den Kühen beim Wiederkäuen zuzusehen. Oder auf das ruhige Wasser des Sees in der Eifel zu blicken. Das klingt doch wunderbar. Geradezu traumhaft.

Träumen ist erlaubt

Ein Traum ist das auch. Zumindest für mich. In der Form, dass ich mir das zwar manchmal vorstelle, dieses Bild aber nichts mit meiner Lebensrealität zu tun hat. Und ehrlich gesagt bedauere ich das auch gar nicht. Hast du mal mit einem Laptop in der Sonne gesessen und dabei festgestellt, dass du auf dem Bildschirm nichts erkennst? So sieht das nämlich aus. Die Sonne blendet in der Regel so stark, dass die Augen nach ein paar Minuten verzweifelten Blinzelns brennen. So geht das also nicht. Ich habe tatsächlich auch mal versucht, in einem Café in der Kölner Innenstadt zu schreiben. Funktioniert für mich auch nicht. Mir ist es an solchen Orten zu laut, zu wuselig, zu stressig. Ich brauche Ruhe zum Schreiben. Ich will nachdenken können. Und vor allem muss ich den Sätzen, die nach und nach in meinem Kopf auftauchen, lauschen können. Selbst wenn ich einen gut durchdachten Plot habe und relativ genau weiß, was ich im nächsten Kapitel schreiben will – die einzelnen Formulierungen setzen sich erst nach und nach zusammen. Manchmal sehe ich vor meinem geistigen Auge eine Figur etwas tun, was ich nicht sofort verstehe. Ich muss ihr also in ihren Handlungen folgen und sie im Zweifelsfall sanft in die gewünschte Richtung lenken. Denn meine Figuren tun leider nicht immer das, was ich im Vorfeld für sie geplant habe. 

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Also arbeite ich in einer Ateliergemeinschaft. Ich brauche den Austausch mit anderen Menschen. Ich muss mich morgens auf mein Fahrrad setzen und eine halbe Stunde lang radeln. Dabei werde ich wach und schaffe den nötigen Abstand zu meinem Privatleben mit all den Herausforderungen, die dazu gehören. Ich koche mir einen Kaffee, plaudere mit meiner Kollegin, die mir gegenüber sitzt, sortiere meine Aufgaben des Tages und lege schließlich los.

Der Ort, an dem ich mich wohlfühle

Das Atelier liegt in der Kölner Innenstadt und ich arbeite hinter dem großen Fenster eines ehemaligen Ladenlokals. Auf diese Weise kriege ich mit, was draußen passiert. Die vor mir liegende Straße ist quasi die Einflugschneise zweier Schulen zu einem Diskounter. Das Leben tobt also vor meinen Augen. Und auch das brauche ich, denn die Menschen, die hier vorbeilaufen, sind eine permanente Inspiration. Ich kriege Gesprächsfetzen mit, manchmal unterhalte ich mich mit Nachbar.innen, die Verkäuferin in der Bäckerei ums Eck kennt mich und weiß immer schon genau, was ich brauche (zwei Dinkelbrötchen vormittags, später dann manchmal auch noch eine Nussecke), die Postbotin winkt mir zu, wenn sie Post für mich hat, der dhl-Bote klopft an die Scheibe und fragt, ob er ein Paket für die Nachbar.innen bei mir hinterlegen kann. Ich bin eingebunden in ein soziales System, das sich über die vergangenen Jahre etabliert und bewährt hat. An einem einsamen See hätte ich das nicht. Und ich würde es sehr vermissen.

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Über den Ort hinaus brauche ich zum Schreiben auch noch eine gewisse Routine. Um zehn Uhr sitze ich spätestens an meinem Platz, mittag lege ich mich für zwanzig Minuten auf eine Gartenliege in einem angrenzenden Raum (ich will die Kollegin ja nicht mit meinem Schnarchen stören), ich habe alles Material, den Drucker und Sekundärliteratur in greifbarer Nähe. Ohne diese kleinen Hilfsmittel würde ich verzweifeln.

Jede.r Autor.in arbeitet anders

Es ist also nichts mit dem gemütlichen Balkon und dem einsamen See. Für mich ist es so, wie oben beschrieben, genau richtig. Ich würde es nicht anders haben wollen. Und zugleich weiß ich von vielen Kolleg.innen, dass sie nur im völligen Rückzug schreiben können. Oder im Café. Oder nachts. 

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Die Menschen sind unterschiedlich und es bringt nichts, ihnen die eigenen Vorstellungen aufdrängen zu wollen. Also lasst die Leute einfach so sein, wie sie sind. Das macht das Leben so viel einfacher.

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