Schwule Klischees

Stephan Martin Meyer

Der beste Freund der heterosexuellen Frau

Neulich waren mein Mann und ich auf einem Geburtstag eingeladen. Eine Freundin wurde 48 und hatte ein paar Leute zu sich gerufen, damit sie ihr Schicksal, schon wieder ein Jahr älter geworden zu sein, nicht allein ertragen musste. Für solche Anlässe eigne ich mich hervorragend. Denn ich bin ein wenig älter als diese Freundin und kann daher mit Altersweisheit und der damit einhergehenden Gelassenheit auf sie zugehen. Mit einem Prosecco anstoßen, später beim süffigen Kölsch reden, bis die Köpfe rauchen und der sprachliche Ausdruck ein wenig verschwommen wird.

Die Zeiten des Studiums tauchen vor unseren Augen wieder auf und wir freuen uns, dass unsere Freundschaft so lange gehalten hat. Denn das – ihr kennt das sicherlich – ist nicht selbstverständlich. Immer wieder verliere ich Freund.innen aus dem Fokus und wenn ich mich nicht intensiv um sie kümmere, dann verschwinden sie irgendwann fast unbemerkt. Monate später frage ich mich dann, was denn eigentlich wohl aus Sonja, Tina oder Jorge geworden ist. Ein Blick in ihre Profile in den sozialen Medien bringt mich dann oft auf den neuesten Stand. Er führt mir allerdings auch hin und wieder vor Augen, warum die Freundschaft nicht für die Ewigkeit war.

Mit der Freundin, mit der wir Geburtstag gefeiert haben, ist das zum Glück anders. Natürlich gab es in den vergangenen Jahren immer mal wieder Phasen, in denen wir weniger miteinander zu tun hatten. Aber die werden regelmäßig von Phasen des intensiven Austauschs abgelöst. So spielt das Leben. Was ich allerdings nie für sie war, nie sein möchte und auch mit anderen Freundinnen nicht verbinde, ist, der beste SCHWULE Freund zu sein. Das passt nicht zu mir. Ich mag nun mal keine Schubladen.

Muss man eigentlich kitschig heiraten?

Bei diesem Geburtstag saßen wir nun allerdings mit einer neuen Nachbarin der Freundin zusammen, die das offenbar missverstanden hatte. Sie ging davon aus, dass wir als die Quotenschwulen dabei waren, in deren Licht sich unsere Freundin sonnen wollte. Nachdem sie registriert hatte, wie mein Mann und ich zueinander stehen – wir machen aus unserer Lieben keinen Hehl – überhäufte sie uns sofort mit Fragen zu unserer Hochzeit. Und sie war geradezu tief betroffen, dass wir nicht in identischen weißen Anzügen unter Regenbogenfarben geheiratet hatten. (Ich hatte zwar eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd an, aber die Krawatte und das Sacko waren mir schon vor der Zeremonie im Standesamt zu beengend geworden und in die Hände meines Cousins übergegangen. Mein Mann war in seiner schönsten Jeans und einem Hoodie vor der Standesbeamtin erschienen.) Mit dieser Enttäuschung kam die Nachbarin kaum klar.

GayStorys gesamt

Und dann berichtete sie uns von den mindestens dreißig Hochzeiten, auf denen sie in den vergangenen Jahren gewesen war. Sie erzählte ausschweifend von Junggesellinnenabschieden in Fünf-Sterne-Spa-Hotels, von einem, der sogar auf den Bahamas stattgefunden hatte und mit glänzenden Augen hauchte sie, ihre Freundinnen würden ja nicht einfach nur soheiraten. Keineswegs. Vielmehr folgten all die Hochzeiten, von denen sie uns berichtete, ausgeklügelten Gesamtkonzepten. Einschließlich der gleichen Kleiderfarbe aller anwesenden Frauen. Schließlich müssten Hochzeiten heute – Achtung Zitat! – „instagramable“ sein. Nichts sei schlimmer, als wenn die Fotos in den sozialen Medien später einen unruhigen Gesamteindruck machen würden.

Die Nachbarin erzählte uns das, als seien wir die perfekte Zielgruppe, um über Hochzeiten, Mode und zeremoniellen Kitsch zu reden. Dabei hätte sie uns nur einmal genau ansehen müssen, um zu erkennen, dass wir in keiner Hinsicht dem schwulen Klischee der szenekonformen Tucken entsprechen. Frisuren, Kleidung, Sprache, Interessen – nichts davon hätte uns in diese Schublade packen können. Lediglich die Tatsache, dass da ein verheiratetes Männerpaar vor ihr saß, gab ihr offenbar die Motivation, uns mit ihrem speziellen Blick zu betrachten.

Wenn ich will, dann kann ich auch anders

Wir sind höfliche Menschen, die zuhören, etwas zum Gespräch beitragen und das Thema elegant umlenken, wenn wir kein Interesse daran haben. Die Nachbarin war quasi immun gegen unsere Bemühungen. 

Ich bin irgendwann aufgestanden und habe mir einen Prosecco geholt. Mit Eis. Und einem Schirmchen. Dann habe ich die Beine exzentrisch übereinander geschlagen und die rechte Hand abgeknickt. Ich kann das, wenn ich will. Und wenn ich das will, dann macht mir das sogar Spaß. Ich schiebe mich dann selbst in eine Schublade und freue mich des Lebens, dass ich jederzeit aus der Schublade wieder heraus kann. Aber in die Schublade des besten schwulen Freundes passe ich einfach nicht.

Das war es wieder einmal von mir. Seid doch einfach mal kitschig und kreischt exaltiert herum. Übertreibt es mit dem Leben, denn ihr habt nur das eine. 

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