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Allgemein Buchvorstellung

Verstörende Welt in Glasgow

Douglas Stuart: Young Mungo

Nun bin ich schon eine Weile um Douglas Stuarts Buch Young Mungo herumgeschlichen, bevor ich mir es gekauft habe. Jetzt ist es also geschehen und ich habe es nicht bereut.

Die Geschichte ist in den 1990er-Jahren im schottischen Glasgow angesiedelt,. Und je länger ich das Buch auf mich wirken lasse, umso glücklicher bin ich, dass ich in jener Zeit am Stadtrand von Osnabrück aufgewachsen bin. Auch wenn meine Welt nicht frei war von Homphobie – welch ein verrücktes Wort, das eigentlich Schwulenhass heißen müsste, denn eine Phobie lässt sich ja heilen – so war sie doch deutlich harmloser und friedvoller als das, was Douglas Stuart in seinem beeindruckenden Roman YOUNG MONGO erzählt.

In meiner Blase unvorstellbar

Heute ist die darstestellte Aversion gegen Schwule fast gar nicht mehr vorstellbar. Allerdings schrieb ich schon in einem anderen Blogartikel, dass ich in einer heilen Blase aus linksgrünversiffter Toleranz lebe und mich damit sehr wohl fühle. Denn wer hat schon Lust, sich permanent für sein Leben und seine Liebe verteidigen zu müssen?

Doch das, was der fünfzehnjährige Protagonist Mungo in diesem Roman erdulden muss, ist nicht nur der Hass und die angedrohte Gewalt. Er ist tatsächlich auch mit körperlichen Übergriffen konfrontiert. An dieser Stelle sei auch eine Triggerwarnung für all diejenigen vorgebracht, die nichts über sexuelle Gewalt lesen möchten. Denn das Dramatische an Mongos Erlebnissen ist die mehrfache Vergewaltigung durch zwei Männer, denen er von seiner Mutter vollkommen unbedarft mitgegeben wird. Gleichzeitig legt die Beschreibung seines Umfeldes auch die unmenschliche Gesellschaft offen, in der er aufwächst. Im Grunde sind um ihn herum alle Erwachsenen Alkoholiker, zumeist arbeitslos und ausgesprochen gewalttätig.

Realität oder Fiktion?

Natürlich hat sich mir beim Lesen des Romans die Frage gestellt, ob Stuart diese Gesellschaft realistisch beschreibt. Ich bin noch nie in Glasgow gewesen und ich kenne auch nicht allzuviele Berichte aus der britischen Gesellschaft jener Zeit. Allerdings gibt es zwei Filme, die mich nachhaltig beeindruckt haben und die in das Setting ungefähr hineinpassen: BILLY ELLIOT – I WILL DANCE und BEAUTIFUL THING. Beide Filme sind zwar nicht in Schottland angesiedelt, aber das Melieu und die Zeitumstände sind vergleichbar. Und was ich aus diesen Filmen kenne, ist nicht gerade das Paradies für junge Schwule, die aus dem Schrank raus wollen. Und genauso stellt sich die Situation von Mungo dar: Er wächst in einer Zeit und einer Umgebung auf, die ich keinem Menschen in seiner Situation wünsche.

Stuart beschreibt aber nicht nur die abgründigen Umstände aus Mungos Leben. Vielmehr widmet er sich sehr liebevoll der Annäherung an den etwas älteren James, der die Demütigungen des Coming-outs schon hinter sich hat und bei dem Mungo so sein kann, wie er ist. Dies sind die Szenen, in denen Hoffnung selbst in der aussichtslos scheinenden Wirklichkeit aufblitzt.

Zurück in die 90er

YOUNG MUNGO ist ein wunderbarer Roman über das Coming-out in einer wahrlich abstoßenden Umgebung. Und selbst wenn ich es in meinem Leben deutlich leichter gehabt habe, so fühle ich mich doch über weite Strecken in meine eigene Jugend zurückgeworfen. Manches scheint einfach unfassbar, und wer Erniedrigungen ähnlicher Art nicht am eigenen Leib erfahren hat, wird vermutlich die daraus resultierende Wut nie nachvollziehen können.

Auf Deutsch erschienen bei Hanser Berlin.
Aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz.


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