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Allgemein Buchvorstellung

Kampf für Anerkennung

Tom Crewe: Das neue Leben

Dieser historische Roman, der sich nicht streng an die tatsächlichen Ereignisse seinerzeit hält – so betont es der Autor – hat mich ziemlich in den Bann gezogen. Er startet im Jahr 1894. In einer Zeit, in der der damals aufsehenerregende Prozess gegen Oscar Wilde in London abgehalten wurde. Durch diesen Prozess wurde Ende des 19. Jahrhunderts das Thema der queeren Menschen zwar auf die Titelseiten der Presseorgane gehoben, auf der anderen Seite war dieser Prozess aber auch ein Schock für die Menschen im Königreich, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprachen. Genau in dieser Zeit entscheiden sich der Wissenschaftler John Addington und der intellektuelle Henry Ellis, zusammen ein Buch über die Invertierten zu schreiben, also über queere Menschen.

Obwohl die beiden in der gleichen Stadt leben, konzentriert sich ihr Kontakt lange Zeit auf den Austausch von Briefen. Sie einigen sich über die Strukturen und beginnen Fallbeispiele schwuler Menschen zu sammeln und aufzuschreiben. Schon das war ein gefährliches Unterfangen. Und die Männer, die mir ihnen zusammenarbeiteten, legten großen Wert auf Anonymität. Ein offenes Outing wäre dem gesellschaftlichen Tod gleichgekommen. Man muss dazu wissen, dass zu diesem Zeitpunkt in anderen europäischen Ländern, wie beispielsweise Deutschland und Frankreich die Strafen für Homosexuelle Handlungen zwischen Männern bei weitem nicht mehr so hoch waren, wie sie im Vereinigten Königreich waren.

Dass wir heute in einer freien Welt leben, in der alle gleichberechtigt heiraten können, in der wir jeden lieben können, den wir wollen, und nicht mehr von staatlicher Seite Repressalien befürchten müssen, ist die Folge einer sehr langen und für die Beteiligten oft qualvollen Entwicklung. Der Paragraph 175 ist erst seit Mitte der Neunzigerjahre aufgehoben. Heiraten dürfen wir erst seit wenigen Jahren. All das sollten wir nie vergessen. Und leider müssen wir uns auch immer wieder klarmachen, dass gesellschaftliche und intellektuelle Rückschritte zum Weltgeschehen gehören. Das, was wir heute leben dürfen, kann in ein paar Jahren schon ganz anders aussehen. Man denke beispielsweise daran, welche Umfragewerte die AfD aktuell erreicht. Diese unsägliche Partei in der Regierung eines Bundeslandes oder gar in der Bundesregierung zu sehen, erfüllt mich immer wieder mit Grausen. Da ist nicht nur das rückwärtsgewandte Familienbild und die mittlerweile offen ausgesprochene Remigration ein Thema, sondern darüber hinaus und über Allem schwebend der permanent geschürte Hass gegen alle Menschen, die nicht dem Weltbild der AfD entspricht.

Es waren Menschen wie die beiden Hauptfiguren dieses Romans, die im ausgehenden 19. Jahrhundert die Grundsteine für eine zunehmende Offenheit und Toleranz von queeren Menschen legten. Auch in Deutschland gab es solche Personen in der Geschichte, wie beispielsweise Magnus Hirschfeld, der in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft leitete und immer wieder für die Anerkennung und Gleichberechtigung schwuler und lesbischer Menschen gefochten hat. Rosa von Praunheims Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt aus dem Jahr 1971 ist ein weiterer Meilenstein der Emanzipation. Dem Kölner Volker Beck, der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, verdanken wir letztendlich die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben. In der Gegenwart ist es der grüne Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann, der die queeren Themen an vorderster Front für uns weiter aktuell hält. Ich bin diesen Menschen immer wieder dankbar für Ihren Einsatz und die unermüdliche Arbeit.

Es sind Wissenschaftler:innen und Literat:innen, Politiker:innen und Künstler:innen, unsere Nachbarn:innen und die Freund:innen, die an unserer Seite für Gleichberechtigung und Anerkennung kämpfen. Nicht alle Persönlichkeiten aus der Vergangenheit haben wir immer auf dem Plan. Umso wichtiger ist es, dass es Bücher wie dieses gibt, die uns tief in die Geschichte der schwullesbischen Bewegung führen, die uns immer wieder vor Augen halten, dass das Leben, dass wir heute führen, nicht selbstverständlich ist.

In diesem Sinne sei all denjenigen, die die Sinnhaftigkeit des CSD infrage stellen, weil wir ja doch jetzt alle Rechte haben, vor Augen geführt: Ja, bei uns sieht aktuell ganz gut aus. Aber in vielen unserer Nachbarländer, mit denen wir in politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen verbunden sind, ist die Situation weiterhin eine Katastrophe. Polen und Ungarn sind die Länder in unserer direkten Nähe, in denen Schwule und Lesben nicht das Leben führen können, dass sie leben wollen. Etwas weiter entfernt brüstet sich Russland mit seinem Verbot, LGBTQ-Themen in irgendeiner Weise zu thematisieren. Und mich erreichen immer wieder Unterschriftenlisten und Spendenaufrufe, die sich mit der unsäglichen Situation in der Demokratischen Republik Kongo oder in Uganda beschäftigen. Ich könnte diese Liste ewig weiterführen. Und jedes Mal bin ich froh, dass ich so leben darf, wie ich will. Auch wenn ich selbst dafür viele Federn lassen musste und selbst heute noch Anfeindungen und Spott ertragen muss.

Wie lebst du? Und was fehlt dir noch?


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