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Allgemein Buchvorstellung

Glitzerroman und Sauhund

Lion Christ: Sauhund

Eine Reise in die 80er

Lion Christ reist mit uns in die Mitte der 1980er-Jahre nach Bayern. Er nimmt uns zu Beginn mit in die Welt des Zivildienstes in einem Seniorenheim, wo sich der Protagonist Flori mit der eleganten Lady Frau Eichinger angefreundet hat und seinen letzten Tag des Dienstes feiert. Er ist auf der Suche nach der Liebe, nach einem Mann, der sein Leben mit ihm teilt. Doch auf dem Dorf ist das nicht so leicht. Daher zieht es ihn schnell in die nahe Metropole: Er geht nach München. Und hier taucht er in das pralle schwule Leben ein.

Im ersten Moment habe ich mich mit dem Text ein wenig schwer getan. Aber das hat ganz individuelle Gründe: Ich bin im Ursprung Norddeutscher. Das niedersächsische Platt liebe ich, denn es erinnert mich immer an die Haushälterin meiner Oma, die ich zwar nie richtig verstanden habe, deren Kittel aber immer so herrlich nach Putzmittel roch. Und nach dem bodenständigen Essen, das jeden Tag im Haus meiner Oma gekocht wurde. Auch das Ostfriesische haut mich immer wieder um, denn ich sitze dann sofort vor dem schwarz-weiß Fernseher meiner Eltern und folge dem Klamauk von Otto Waalkes. Und Hamburg mit seiner spröden Art und dem liebevollen Dialekt war seit je her die einzig denkbare Alternative zu Köln. All das liegt mir quasi im Blut. Doch das Süddeutsche, das Bayerische – damit konnte ich mich nie so recht anfreunden. Und Christ lässt seine Figuren durchaus Dialekt sprechen. Das war eine Herausforderung für mich!

Was hätte ich darum gegeben

Je tiefer ich mich auf dies Sprache und den Roman eingelassen habe, desto faszinierender fand ich ihn. Während des Lesens ist vieles aus meiner Jugend in mir wieder hochgekommen. Der Protagonist ist zwar etwa zehn Jahre älter als ich, aber die Erlebnisse sind ähnlich. Dann wiederum sind sie ganz anders als meine. Vielleicht wäre ich einfach gerne ein bisschen wie Flori gewesen. Vielleicht hätte ich gerne den Mut gehabt, seine Erfahrungen zu machen. Denn er hat immerhin seine ersten Schritte in die Selbstbestimmung in München getan. Für mich gab es damals nur Osnabrück und Münster, später dann Göttingen. Als ich nach Köln kam, hatte ich schon einen Teil meiner Naivität und Unbefangenheit verloren.

Die GayStorys

Der Protagonist laviert durch die Münchner Welt, er probiert sich aus und er ist dabei ständig mit der Angst vor der großen Schwulenseuche konfrontiert. AIDS schwappt gerade aus den USA nach Europa und versetzt die Szene in helle Panik. Es ist die zeit, in der niemand genau weißt, wie die Übertragungswege genau sind und wie eine Behandlung aussehen kann. Flori versucht alles, um sich nicht von der ständigen Unruhe und Angst anstecken zu lassen. Doch letztendlich geht die Krankheit in dieser Zeit an keinem in der schwulen Szene unbemerkt vorbei.

Wärmste Empfehlung für Sauhund

Mich haben die Sprache und die Geschichte letztlich magisch angezogen und ich habe jede Seite mit Genuss gelesen. Wir brauchen unbedingt mehr von diesen jungen Autor:innen, die sich unbefangen und offen den queeren Themen stellen und sie in Worte fassen. Ich bin sehr gespannt, was uns von Lion Christ zukünftig noch erwarten wird.

Aus dem Klappentext

München, 1983. Flori kommt vom Land und sucht das pralle Leben, Glanz und Gloria, einen Mann, der ihn mindestens ewig liebt. Er ist ein unverbesserlicher Glückssucher und Taugenichts, ein Sauhund und Optimist. Im München von Franz Josef Strauß und Freddie Mercury, von erstickendem Biedersinn und wildem Hedonismus, ist jeder eigene Schritt eine kleine Befreiung. Flori rennt vor seinen Eltern davon, vor seiner ersten großen Liebe, vor jedem mit Erwartungen an ihn. Er wirft sich in die Clubs und Klappen, die heimlich zweckentfremdeten Ehebetten und Berührungen in aller Öffentlichkeit. Mit „Sauhund“ setzt Lion Christ Flori und allen vergessenen Liebenden des ersten AIDS-Jahrzehnts ein rauschhaftes Denkmal.

Der Autor

Lion Christ, in Bad Tölz geboren, studierte Film und Literarisches Schreiben und lebt in Leipzig. Für seinen Debütroman Sauhund (Hanser, 2023) erhielt er das Münchner Literaturstipendium 2021.

368 Seiten
Hanser Verlag
Hardcover
ISBN 978-3-446-27747-2
Preis: 24 €


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