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Die antike Skulptur auf dem Cover

Ein Abenteuer mit Marmorpimmeln und Zensur

Immer wieder stehe ich etwas konsterniert vor den Entscheidungen des Buchmarktes und frage mich, was um alles in der Welt hier falsch läuft. Der aktuelle Fall ist in gewisser Hinsicht allerdings auch ziemlich komisch und hat mich auf eine unerwartete Reise mit einer antiken Skulptur geführt.

Eine antike Skulptur für mein Cover

Ich habe sehr lange an meinem aktuellen Roman “Kretische Reise” gearbeitet, habe ihn gegenlesen und korrigieren lassen und mich mit vielerlei inhaltlichen Fragen und konstruktiven Anregungen auseinandergesetzt. Parallel habe ich, wie ich es ja immer tue, das Cover und den Umschlag entworfen. Die Geschichte spielt auf Kreta, was nahelegte, eine antike Skulptur auf das Cover zu setzen. Eine solche Skulptur lenkt den Gedanken ziemlich schnell in Richtung griechischer Antike und prompt sind wir auf Kreta. Also habe ich recherchiert und eine Skulptur gefunden, die genau zu meinem Cover passt.

Überraschung: Die Skulptur ist gar nicht antik!

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass diese Figur weder griechisch noch antik ist. Faktisch steht diese Skulptur in Paris und stellt den trauernden Kain angesichts seines toten Bruders Abel dar. Die Figur stammt aus dem 19. Jahrhundert und schlägt sich verzweifelt die Hand ins Gesicht. Diese Figur passt nun mal perfekt zu meinem Roman, denn sie kann nach heutiger Sichtweise auch als der klassische Facepalm betrachtet werden. Erst später habe ich herausgefunden, dass genau diese Figur den entsprechenden Wikipedia-Artikel illustriert.

Der winzig kleine Marmorpimmel

Mir gefällt diese Figur sehr gut. Ich habe einen Fotografen gefunden, dessen Foto ich nutzen kann, und ich habe alles zu einem wunderbaren Cover zusammengefügt. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht beachtet habe, ist der winzig kleine Marmorpimmel, der bei genauer Betrachtung der Figur durchaus sichtbar zwischen den Beinen liegt. Er ist wirklich nicht groß, er ist wie eine kleine Nudel, die noch nie viel Beachtung erhalten hat. Und ich habe ehrlich gesagt, nicht sonderlich darauf geachtet. Für mich war es wichtiger, dass der Marmor in der richtigen Farbigkeit zu sehen war, dass die Perspektive und die Größe der Skulptur stimmten und dass sich Schrift, Titel und Figur gegenseitig unterstützen.

Die erste Hürde: Amazon und Books on Demand

Dann habe ich das Buch veröffentlicht. Amazon hatte keine Probleme damit, dieses Cover online zu stellen. Ganz anders sah es bei Books on Demand aus. Vom Dienstleister, der das Taschenbuch produzieren soll, erhielt ich plötzlich die Information, dass sie dieses Cover nicht produzieren könnten. Die Begründung lautete, dass es diverse Shops gebe, die die Darstellung eines nackten Mannes mit einem offen sichtbaren Geschlecht ablehnen würden. Damit war mein erster Versuch, meinen Roman als Taschenbuch zu produzieren, gescheitert.

Die Suche nach der Alternativlösung

Und damit ging auch die Suche nach einer Alternativlösung los. Ich habe versucht, den Pimmel mit einem Feigenblatt zu verdecken, aber das sah schrecklich aus. Ich habe ihn wegretuschiert, aber prompt wirkte Kain ziemlich kastriert. Auch andere Versuche sahen optisch nicht besser aus. Zum Glück habe ich meine Versuche an diverse Kollegen und Kolleginnen verschickt und mit ihnen darüber diskutiert, was man denn jetzt am besten machen könnte. Meine Lieblingslektorin Anne schlug mir dann vor, ich sollte einfach einen schwarzen Balken über den Pimmel legen. Gesagt, getan. Und es sieht gut aus.

So sieht der Pimmel jetzt aus

Der schwarze Balken und die Selbstzensur

Jetzt hat meine pseudo-antike Skulptur also einen schwarzen Balken vor dem Gemächt. Und irgendwie gefällt mir das sogar ganz gut. Denn diese Variante spielt mit der Selbstzensur, der sich der Druckdienstleister unterwirft. In einem Telefonat mit einem Mitarbeiter des Dienstleisters erfuhr ich dann am Tag darauf, dass angeblich vor allem amerikanische Onlineshops sich weigern würden, Bücher mit der Darstellung männlicher Geschlechtsteile oder auch weiblicher Brüste in den Verkauf zu nehmen. Wir unterwerfen uns also dem amerikanischen Markt, anstatt uns an den deutschen oder europäischen Richtlinien zu orientieren. Für mich ist das ziemlich absurd.

Ein wiederkehrendes Problem

Dies ist nicht das erste Mal, dass ich mit dem Dienstleister Books on Demand aneinandergeraten bin, wenn ich Bücher bei ihm publizieren möchte. Beim letzten Mal war es die Tatsache, dass ich in einem Roman den sexuellen Kontakt zwischen einem 17-jährigen und einem 18-jährigen beschrieben habe. Auch in diesem Fall weigerte sich der Dienstleister, das Buch zu publizieren, mit der Begründung, ausländische Shops würden diese Bücher nicht ins Programm aufnehmen. Und für mich stellt sich sofort die Frage, wo wir eigentlich leben. Der Paragraph 175 ist vor 30 Jahren abgeschafft worden und das war zu diesem Zeitpunkt längst überfällig. Und trotzdem muss ich mich selbst beschränken und zensieren, damit meine Bücher auf den Markt kommen.

Der absurde Kampf um die antike Skulptur

Letztendlich hat die antike Skulptur auf meinem Buchcover für jede Menge Aufregung gesorgt. Ein winzig kleiner Marmorpimmel hat es geschafft, eine Debatte über Zensur, kulturelle Unterschiede und Selbstzensur auszulösen. Ich habe gelernt, dass die Buchbranche manchmal absurde Wege geht und dass man sich als Autor immer wieder neuen Herausforderungen stellen muss. Und wer weiß, vielleicht wird genau diese Geschichte eines Tages selbst zum Stoff für einen neuen Roman.

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