Wie ist ein Outing eigentlich im wahren Leben?
Unterschiedlich. Immer anders. Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Geschichten über Coming-oute gehört, wie ich Schwule und Lesben, Bisexuelle und Transgender getroffen habe. Alle diese Erzählungen waren anders, waren individuell, waren dramatisch oder harmonisch. Erzählen will ich dir allerdings meine eigenen Erlebnisse, auch wenn die dramatische Phase mittlerweile schon ein paar Jahre hinter mir liegen.
Ich hatte Glück, denn zum Einen bin ich in einer liberalen Umgebung aufgewachsen. Zum anderen waren die wirklich schlimmen Zeiten homophober Diskriminierungen von staatlicher Seite schon vorbei. Als ich 1973 geboren wurde, gab es den Paragrafen 175 noch im Strafgesetzbuch. Dieser verbot in seiner ursprünglichen Fassung alle sexuellen Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts. Im Nationalsozialismus wurde der Paragraf verschärft, nach 1945 in der DDR wieder abgeschwächt und Ende der 1960er-Jahre gestrichen. Die BRD hielt an der Fassung des NS-Regimes bis in die 1960er-Jahre fest, schwächte sie dann auf ein Verbot der sexuellen Handlungen zwischen männlichen Jugendlichen und Erwachsenen ab. Doch bis 1994 war der Paragraf 175 fester Bestandteil des deutschen Strafgesetzbuches. Das hat die Menschen geprägt, die in dieser Zeit aufgewachsen sind. Und auch die Ehe für alle wurde erst 2017 durch den Bundestag eingeführt.

Aber all das konnte ich noch nicht wissen, als ich mich in der Schule zum ersten Mal in einen Mitschüler verknallt habe. Ich kannte mit siebzehn keine Schwulen. Und auch keine Lesben. Zumindest habe ich das damals geglaubt. Erst nach und nach habe ich dann entdeckt, dass es durchaus homosexuelle Menschen um mich herum gab. Meine erste große Liebe wurde damals nicht erwidert und das hat mich von einer Krise in die nächste gestürzt. Aber meine Eltern haben glücklicherweise sehr gefasst reagiert. Selbst meine Oma, zu der ich eine enge Verbindung hatte, hat bloß ein paar Tränen verdrückt, bevor sie mich weiter mit Kuchen vollgestopft hat.
Und meine Freunde? Ich bin damals auf einen neuen Freundeskreis gestoßen, in dem ich mich sehr wohl gefühlt habe. Das Verrückte an dieser kleinen Gemeinschaft war, dass sich im Laufe der Zeit alle (!) nach und nach geoutet haben. Ganz so, als hätten wir genau gewusst, mit wem wir uns anfreunden.
Auf diese Weise habe ich also dreifach Glück gehabt: Die Gesellschaft war im Umschwung, meine Familie hat die Neuigkeiten mit Fassung getragen und meinen Freunden kam meine Entwicklung quasi zupass. Ich bin weich gefallen und dafür bin ich sehr dankbar.
Und doch habe ich in den Jahren danach noch viele Schritte gehen müssen, bis ich bei meinem heutigen Ich angekommen war. Immer wieder habe ich verbale Diskriminierungen ertragen müssen, musste mich erklären und stand oft vor der Frage, ob ich neuen Arbeitskolleg.innen vom Kinobesuch mit meinem Freund erzähle. Und bis heute fühlt sich die Erwähnung meines Ehemannes in einem fremden Umfeld ein bisschen so an, als würde ich mich nackt ausziehen. Denn ich weiß nie genau, wie mein Gegenüber reagiert. Das bedeutet, dass das Coming-out ein lebenslanger Prozess ist, zumindest so lange, wie Schwule und Lesben nicht überall als völlig normaler Teil der Gesellschaft angesehen sind. Und davon sind wir bist heute leider noch weit entfernt.
Ich habe wahnsinnig Glück gehabt. Unter anderem, weil ich in einer Großstadt und nicht in einem kleinen Dorf aufgewachsen bin. Tom, der Hauptfigur der ersten GayStory, ergeht es da anders. Und das macht unter anderem den Reiz der Geschichte aus. Und weil mich das Thema immer wieder so reizt, habe ich meinen ersten Jugendroman über einen Jungen mitten in der Selbstfindung geschrieben. (Hier findest du weitere Infos zu dem Buch: KLICK.) In diesem Roman schreibe ich mehr als in meinen anderen Büchern auch über meine eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen. Welche das genau sind, verrate ich natürlich nicht. Ein bisschen geheimnisvoll muss es schließlich bleiben.
Kennst du schöne Coming-out-Erfahrungen aus deinem Umfeld? Oder hast du du dich selbst geoutet und damit Gutes erlebt?
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