Sigune Reichardt sagt über sich selbst: Die Veröffentlichung meines ersten Romans – eine Familiengeschichte mit der Gründung einer der ersten christlichen Gemeinden im Römischen Kaiserreich als Hintergrund – löste eine heftige Glaubenskrise bei mir aus. Nach über zehn Jahren Arbeit an dem Buch erkannte ich, dass ich den konservativ-christlichen Glauben aus den falschen Gründen gelebt hatte. Ich outete mich als queer und ließ den Glauben hinter mir – mit ihm fast mein gesamtes soziales Netz. Ganz schön starker Tobak! Sigunes erster Roman begann gewissermaßen als Selbsthilfe Buch.
Die surrealen Elemente waren anfangs nur Mittel zum Zweck. Sie sollten mir helfen, Kays Entwicklung unterhaltsamer darzustellen. Beim Schreiben habe ich allerdings Feuer gefangen, und zwar sowohl für die Fantastik als auch fürs romantische Genre. Sigunes zweiter Roman wird eine historisch-fantastische Märchennacherzählung, vermischt mit einer großen Portion Mythologie und mindestens einer Romanze. Das voraussichtliche Erscheinungsdatum? Eines Tages, irgendwann!

Schreibst du unter Pseudonym? Und wenn ja: Warum?
Meinen ersten Roman hatte ich im ersten Anlauf unter meinem offiziellen Namen veröffentlicht. Da die beiden Bücher wenig gemeinsam haben, fand ich ein Pseudonym erst einmal schlicht sinnvoll. Meine Wahl fiel auf Sigune Reichardt, weil mir von Anfang an klar war, dass mein Buch sich abseits des Mainstream ansiedeln wird. Das Pseudonym sollte dazu passen. Auf dem Cover der Neuauflage meines ersten Romans steht auch ein Pseudonym. Aber das ist, wie gesagt, eine ganz andere Geschichte.
Wo kommst du her, wo lebst du heute und/oder wo würdest du gerne leben?
Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt zwischen Ruhrgebiet und Sauerland. Nach dreiundzwanzig Jahren in Oberbayern lebe ich jetzt mitten im Sauerland. Aktuell träume ich davon, meine derzeitige Tätigkeit als Online-Lehrkraft in der Erwachsenenbildung so weit auszubauen, dass ich davon zumindest für ein paar Jahre in Frankreich leben kann, vorzugsweise in der Bretagne. Ob ich dann dort auch meinen Lebensabend verbringen würde oder in meiner westfälischen Heimat oder ganz woanders, wird sich zeigen.
Wer bist du, wie definierst du dich und/oder wer würdest du gerne sein?
Das ist eine Frage, bei deren Beantwortung mir tatsächlich Sigune Reichardts erster Roman geholfen hat: Ich identifiziere mich als transmännlich und habe endlich angefangen, meiner Identität entsprechend zu leben. Die offizielle Änderung meines Namens und Personenstandes habe ich inzwischen bereits vorgenommen. Mein Pseudonym Sigune Reichardt wird bestehen bleiben und soll weiterhin den weiblichen Anteil meiner Persönlichkeit reprsäsentieren.
Für wen schreibst du?
Für Menschen, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen wie ich am Anfang des jeweiligen Projekts. Bei Kays Quest lautete die: „Lebe ich eigentlich wirklich mein Leben? Und falls nicht: Was muss ich ändern, damit dieses Leben zu meinem wird?“
Wer oder was motiviert dich zum Schreiben?
Bisher immer eine bestimmte Frage, der ich schreibend auf den Grund gehe. Das gilt auch für meinen historischen Roman und mein neues Projekt. Ein bisschen aber auch eine gewisse Tendenz zur Realitätsflucht und nicht zuletzt meine Freude am Spiel mit Sprache.
Wo oder in welchem Kontext schreibst du am liebsten/besten?
In meinen eigenen vier Wänden und allein – abgesehen von meinem Hund. Anderswo und in menschlicher Gesellschaft lasse ich mich zu leicht ablenken. Das gilt leider sogar für meinen eigenen Balkon. ADHS lässt grüßen.
Was ist die schönste Rückmeldung eines/einer Leser:in gewesen, die du bekommen hast?
Da möchte ich jetzt unbescheidenerweise gerne zwei anführen:
Eine der Kirche oberflächlich verbundene cishet-Frau, die sich selbst als „spießig“ bezeichnet, hat mir geschrieben, dass sie mit dem Thema Queerness und Glaube (und auch Queerness generell) persönlich noch gar nicht in Berührung gekommen war, bevor sie Kays Quest gelesen hat, und dass ihr mein Buch eine völlig neue Perspektive eröffnet hat.
Eine tiefgläubige nicht-binäre Person hat mir geschrieben, dass das Buch sie stark berührt und außerdem genau ihren Nerv getroffen habe – und dass sie begeistert ist, dass es einen Roman zu dem Thema gibt.
Diese zweite Rückmeldung hat mich in meinem Weg bestärkt: Als Sigune Reichardt werde ich mich weiterhin nicht an Genre-Erwartungen oder den Erfolgsrezepten verkaufszahlenmäßig erfolgreicher Autor:innen orientieren, sondern hoffen, dass meine Romane die wenigen Menschen erreichen, die sie brauchen, um sich repräsentiert zu fühlen: queere Personen im fortgeschrittenen Alter, die nicht nur unterhalten, sondern auch gesehen und verstanden werden wollen.
Bildnachweis: Fotografie Anneser
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