Das Interview

Qwertz

In der Ausgabe 4/2024 der QWERTZ, des Mitgliedermagazins des Bundesverbandes junger Autorinnen und Autoren (BVjA) ist ein Interview mit mir erschienen, das ich hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion veröffentlichen darf.

Der BVjA setzt sich engagiert für die Belange junger (und älterer) Autor:innen ein und tritt besonders in der Aufklärung über Druckkostenzuschussverlage ein. Für mich ist die Mitgliedschaft in diesem Verband schon lange eine Bereicherung.


Wann und wie bist du zum Schreiben gekommen?

Schreiben wollte ich eigentlich immer schon, habe mich aber sehr lange nicht getraut, das auch zu tun. In den frühen Anfängen habe ich mich von den allerkleinsten Selbstzweifeln zur Räson rufen lassen und nicht weitergemacht. Erst als ich Anfang dreißig war, habe ich mich mit dem Thema intensiver auseinandergesetzt und beschlossen, diesen Weg zu gehen. Ich gehöre also nicht zu den Autoren, die von sich behaupten, schon mit sechs Jahren die ersten Romane geschrieben zu haben.

Was war dein erster Text, den du geschrieben hast und wie kam das?

Die Karte ist nicht das Gebiet

Ich habe den Jugendroman „Die Karte ist nicht das Gebiet“ 2021 im Selfpublishing herausgebracht. Das war der erste Text, den ich groß angelegt habe. Also viele Jahre vor der Publikation. Damals hatte ich die Idee, einen schwulen Jugendroman zu schreiben, allerdings ohne die geringste Ahnung, wie man ein Buch schreibt. Ich habe einfach losgelegt. Das kann man so machen, das bedeutet dann aber auch viel Aufwand in der Überarbeitung. Jahrelang habe ich diesen Text immer weiter geschrieben, bis ich irgendwann eine sehr erhellende Autorenwerkstatt beim Kölner Filmhaus besucht und dabei gelernt habe, wie ich die Figuren, den Plot und die Dialoge entwickle. In der Pandemie gab es dann öffentliche Fördertöpfe für Autor:innen und damit konnte ich mir eine Lektorin leisten, die mir im Grunde das beste 1:1-Seminar geliefert hat, das ich kriegen konnte. Danach war das Buch reif für den Buchmarkt.

Du hast Kinder- und Sachbücher sowie Romane veröffentlicht. Woher kommt diese Vielseitigkeit?

Ich finde es viel zu langweilig, mich auf eine Altersgruppe oder ein Genre zu beschränken. Vermutlich wäre es schlauer, genau das zu tun, weil der Buchmarkt in jedem Bereich anders funktioniert. Aber ich habe eben den Kopf zum Bersten voll mit Ideen, die ich umsetzen will. Mittlerweile ist der Kinderbuchbereich ein wenig ins Hintertreffen geraten, da es ungleich schwieriger ist, Bücher für die junge Zielgruppe im Selfpublishing herauszubringen, als für Erwachsene. Das hat mit den Dynamiken des Buchmarkts zu tun. Über kurz oder lang werde ich aber vermutlich doch wieder Kinderbücher und Jugendromane schreiben – spätestens wenn ich mal wieder einen Wechsel der Zielgruppe brauche.

Du hast im Verlag und im Selbstverlag veröffentlicht. Wo siehst du die jeweiligen Vor- und Nachteile?

Der Buchmarkt ist in allen Bereichen übervoll. Agenturen und Verlage werden buchstäblich von Manuskripten und Buchprojekten überschwemmt. Eine Lektorin von Lübbe sagte mir einmal, dass etwa ein Promille der unaufgefordert eingesandten Projekte tatsächlich umgesetzt werden. Die gesamte Branche ächzt unter der Masse. Und die Lektor:innen in den Verlagen werden immer weiter eingespart. Das sind die Grundbedingungen in den Verlagshäuser. Und daran wird sich vermutlich nicht viel ändern.

Das bedeutet für mich als Autor: Ich muss in einem brachialen Wettbewerb irgendwie aus der Masse hervorstechen. Dabei geht es nur in Teilen um Qualität. Es geht auch um persönliche Kontakte, um den Zeitgeist, den man zufällig bedient, um eine Lücke in einem Verlagsprogramm, die sich unerwartet auftut. Und nicht zuletzt geht es um verdammt viel Glück. Ich hatte es einfach irgendwann satt, mich in diesem Haifischbecken zu tummeln.

Stephano

Entscheidungen

Meine Entscheidung, ins Selfpublishing zu gehen, ist daher eigentlich nicht nur selbstgewählt. Aber hier stelle ich plötzlich fest, dass ich mit dem gleichen Arbeitsaufwand ein Buch schreiben kann, in das sich niemand inhaltlich einmischt. Ich kann genau das schreiben, was ich schreiben will. Leider ist der finanzielle Verdienst dabei bodenlos. Aber ist das nicht als Verlagsautor genauso?

Die Haken an der Sache mit dem Selfpublishing sind allerdings vielfältig: Ich muss alle Entscheidungen allein fällen und mich sehr gut organisieren. Während ich also auf mich allein gestellt bin, beschäftigte sich in einem Verlag ein ganzes Team mit dem Text und dem Cover, die Aufgaben sind auf viele Schultern verteilt und das finanzielle Risiko liegt nicht bei den Autor:innen. Ich muss jeden Tag Entscheidungen treffen, von denen ich zunächst wenig Ahnung habe. Das Wissen eignet man sich ja erst im Laufe der Zeit an.

Am Ende ist es schwer zu sagen, welcher Weg der bessere ist. Für mich fühlt sich das Selfpublishing zur Zeit richtig an. Aber das kann sich jederzeit ändern.

Welche Themen sind dir wichtig und warum?

Adelie

Im Laufe der Zeit sind für mich queere Themen immer wichtiger geworden. Auch wenn sich die Gesellschaft seit meinem Coming-out glücklicherweise geöffnet hat, ist der Buchmarkt doch weiterhin eine Ödlandschaft. Viele Verlage haben den einen oder anderen queeren Buchtitel ins Programm aufgenommen, weil man das eben jetzt so macht. Aber im größeren Umfang werden weiterhin kaum queere Titel verlegt. Und für den einzelnen Menschen ist es immer noch ein steiniger Weg, sich zu outen. Schließlich leben nicht alle in den bildungsbürgerlichen Stadtteilen von Köln oder Stuttgart. Immer noch wachsen Schwule, Lesben, Trans-Menschen und andere Queers in den Dörfern der Eifel, der Niederlausitz oder in Niederbayern auf, ohne auf Vorbilder zurückgreifen zu können. Literatur ist dabei zwar nicht der Weisheit letzter Schluss, aber sie bietet immerhin eine gute Möglichkeit, aus der gewohnten Welt auszubrechen und eigene Wege zu gehen. Dafür muss es gute Bücher geben. Daran arbeite ich.

Was inspiriert dich besonders?

Die größte Quelle der Inspiration ist für mich die Ruhe. Der Blick übers Meer ist eine gute Gelegenheit, die permanent lauten Gedanken abzuschalten und der Kreativität die Türen zu öffnen. Und dann sind da die Menschen um mich herum, die mir ständig Ideen liefern. Ich sitze in der Bahn und beobachte die Menschen draußen, ich schlendere durch einen Park oder ich treffe mich mit Freund:innen. Manchmal sitze ich mit meinen Kölner Kolleg:innen zusammen und wir spinnen Ideen zusammen. Und nicht zuletzt ist da mein Mann, der den Kopf voller Irrsinn hat, von dem ich mir täglich ein eine kleine Portion abzapfe.

Erzähle uns bitte mehr über das Projekt GayStorys.

Die GayStorys sind in der Pandemie entstanden, als ich wie so viele meiner Kolleg:innen überlegt habe, wie es weitergehen soll. Eigentlich wollte ich eine Reihe von Kurzgeschichten schreiben und günstig als eBooks anbieten, aber da ich mich nur schwer kurz halten kann, sind eben Romane daraus geworden. Das Besondere an den GayStorys ist, dass die mittlerweile fünf Bände alle miteinander verwoben sind. In jedem Band gibt es einen Hauptcharakter, der die Handlung vorantreibt. Aber in jedem Band ist dies eine andere Figur. So wird aus einer Nebenrolle im einen Band die Hauptrolle für den nächsten. Und die Figuren aus den vorhergehenden Büchern tauchen in den Folgebänden immer wieder auf. Dabei war es mir zugleich wichtig, dass man alle Bänden unabhängig voneinander lesen kann.

GayStorys

Inhaltlich geht es zunächst um Tom, der aus einem Dorf in die Großstadt flieht. Hier kann er endlich das Leben führen, das er führen will. Er outet sich und taucht in die schwule Szene ein. Dabei realisiert er allerdings ziemlich schnell, dass diese Szene auch nicht nur der Traum eines jeden Schwulen ist, sondern düstere Abgründe mit sich bringt. Er verliebt sich, versucht sein neues Leben auf die Reihe zu kriegen und stößt auf einen alten Freund, der alles durcheinander bringt.

Im Laufe der Handlung kommen immer mehr Figuren dazu, die schon den Stoff für die nächste Geschichte mit sich bringen. Das geschieht so dynamisch, dass es am Ende fast selbstverständlich ist, wer im Folgeband die erste Geige spielt.

Immer wieder geht es in den GayStorys um das queere Selbstverständnis, um das Coming-out und den Umgang des Gesellschaft mit den Handelnden. Und es geht um Sex und um Liebe, um Trennungen und Zuversicht.

Du hast die Gaystorys unter dem Pseudonym Stephano veröffentlicht. Warum?

Kretische Reise - Eine Sommersatire an Kretas Südküste

Unter meinem bürgerlichen Namen sind einige Kinder- und Jugendbücher erschienen. In den GayStorys wird es an einigen Stellen recht explizit. Das ist nicht jedermanns Sache. Schon mal gar nicht jederkinds. Um also eine klare Trennung zwischen den jugendfreien Texten und den expliziten Romanen zu gewährleisten, habe ich mich für ein Pseudonym entschieden. Stephano erschien mir damals passend, weil damit meine wirkliche Identität hervorscheint.

Mittlerweile bin ich allerdings mit meiner Wahl und nicht mehr so glücklich. Zum Einen ist die Auffindbarkeit bei den Onlinebuchhändlern mit diesem Pseudonym nicht besonders gut. Zum Anderen stellt sich mir nun bei fast jedem Roman die Frage, unter welchem Namen er erscheinen soll. Manche Texte bewegen sich im Grenzbereich. So habe ich meinen aktuellen Roman Kretische Reise kurzerhand unter beiden Namen publiziert.

Auf welche Resonanz stoßen deine Bücher, in denen es um queere/schwule Themen geht? Gibt es Anfeindungen? Wie gehst du damit um?

Die Menschen da draußen lieben meine Bücher zum Glück. Ein sehr junger Leser schrieb mir, dass er die GayStorys alle gelesen habe und danach den Mut hatte, sich zu outen. Mit ist beinahe der Atem weggeblieben, als ich das gelesen habe. Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass es vielen Leser:innen mittlerweile fast egal ist, ob die Handelnden hetero oder queer sind. Die Geschichte muss stimmen. Die Figuren müssen sympathisch sein. Die Probleme müssen stark genug sein, um die Handlung über die Länge eines Romans zu tragen.

Annika

Anfeindungen erlebe ich glücklicherweise nicht. Ich lebe allerdings auch in einer heilen Blase und bin von liberalen Menschen umgeben. Natürlich gibt es auch in Köln schwulenfeindliche Übergriffe, aber ich kann hier trotzdem so leben, wie ich leben möchte. Anders sieht es im Netz aus. Bislang bin ich zwar auch hier von fiesen Anfeindungen verschont geblieben. Aber ich erlebe durchaus, dass Amazon-Bewertungen ohne schriftliche Begründung mit einem Stern vergeben werden. Ich vermute dahinter Menschen, die über ein schwules Cover oder einen queeren Klappentext gestolpert sind und ihren Unmut dann auf diese Weise zum Ausdruck bringen.

Was kannst du uns über dein aktuelles oder nächstes Buchprojekt erzählen?

Schon länger arbeitet in meinem Kopf die Idee eines schwulen Kommissars, die ich aktuell umsetze. Das Projekt ist grundsätzlich wieder als eine Reihe angelegt, wenngleich ich auch erst mal den Stoff für den ersten Band im Kopf habe. Daran arbeite ich zur Zeit.

Welches Buch willst du unbedingt schreiben und warum?

Ebenfalls seit vielen Jahren habe ich den Plot für einen obsessiven schwulen Triller im Kopf. Die ersten Kapitel gibt es schon, der Plot steht weitgehend. Jetzt fehlt mir nur noch die Muße, damit weiterzumachen. Das Projekt hat alle Elemente für eine sehr düstere Verfilmung. Dafür müsste ich es nur vermutlich ins Englische übersetzen lassen, um es britischen Produzenten anbieten zu können. Zu den deutschen Produktionsfirmen, die ich kenne, passt das Projekt nicht so recht.

Du bist nicht nur Autor, sondern auch Buchsetzer. Wie kam das?

Herrn Meyers Buchmacherei

Schon während meines Studiums habe ich in einem großen Verlag gearbeitet. Nach dem Abschluss folgten dann Jobs in diversen kleineren Verlagen und immer wieder die Auseinandersetzung mit dem Layout und der Grafik in Büchern. Als ich dann mein erstes Buch selbst auf den Markt bringen wollte, wurde mir klar, dass das nur mit einem professionellen Buchsatz Sinn macht. Bezahlen wollte (und konnte) ich damals allerdings keine:n Grafiker:in. Also musste ich mir das Wissen selbst aneignen und mich in die Software einarbeiten. Als ich dann die Grundlagen kannte, wollte ich dieses Wissen und mein Können nicht einfach verpuffen lassen.

Der Grundgedanke ging von Anfang an weit über den reinen Buchsatz hinaus: Ich weiß so wahnsinnig viel über den Buchmarkt, dass ich mein Wissen auch anderen Autor:innen anbieten kann. Und das tue ich nun seit ein paar Jahren mit Herrn Meyers Buchmacherei recht erfolgreich. Mir ist dabei sehr wichtig, die Autor:innen da abzuholen, wo sie stehen. Die Einen greifen auf einen Pool an eigenem Wissen zurück und brauchen nur den praktischen Buchsatz. Andere wiederum haben gar keine Ahnung, wie der Buchmarkt funktioniert, wie sie an Verlage oder Agenturen herankommen oder was sie tun müssen, um ein Buch zu vermarkten. Indem ich mich mit meinen Kund:innen intensiv auseinandersetze, kann ich ihnen maßgeschneiderte Angebote liefern.

Was sind deine wichtigsten Tipps für Autorinnen und Autoren, die noch vor der ersten Veröffentlichung stehen?

Beschäftigt euch mit Dramaturgie und der Gestaltung von Figuren. Ich lese immer mal wieder Texte von Selfpublisher:innen, die sich keine Lektor:in leisten können, und sehe sofort, wenn sich jemand ohne Handwerkszeug an den Computer gesetzt hat. Ein bisschen Theorie muss einfach sein. Und dann kommt die Praxis: schreiben, schreiben, schreiben. Mit jedem Satz wird der Stil besser. Mit jeder Geschichte werden sie Figuren und Handlungen runder. Mit jedem fertigen Roman wird der Text als Gantes lesbarer.

Außerdem ist es extrem wichtig, sich Rat von außen einzuholen. Gerne von Freunden und Familie, wenngleich die oft sowieso alles gut finden, was man schreibt. Besser ist es, sich jemanden zu suchen, der/die sich mit dem Handwerk des Schreibens auskennt. Aber genauso wie in allen anderen Bereichen muss man dann ein wenig Geld in die Hand nehmen. Es gibt so viele extrem gute freiberufliche Lektor:innen, die sich genau damit auskennen, was an einem Text noch nicht stimmt. Wichtig ist dabei: Nehmt die Kritik an. Manchmal kann das sehr hart sein und man kommt an seine Grenzen. Aber wer sich ernsthaft mit der Kritik auseinandersetzt, kann dabei sehr viel lernen.

Welche Fehler sollten am Anfang stehende Autorinnen und Autoren aus deiner Sicht vermeiden?

Fairlag

Das immer wiederkehrende Thema sind die Pseudoverlage. Sobald man im Netz nach einem Verlag sucht, stößt man unmittelbar auf die schwarzen Schafe der Branche. Leider mittlerweile auch auf den Buchmessen. Daher der klare Aufruf: Finger weg von allen Verlagen, die Geld verlangen. Ganz egal wofür!

(Auf dem Bild links gehts zum Aktionsbündnis faire Verlage.)

Und lasst euch nie entmutigen. Ich habe mir von so vielen Menschen Ratschläge und vermeintlich gut gemeinte Tipps angehört, dann aber später festgestellt, dass diese Menschen gar keine Ahnung hatten, wovon sie sprechen. Oder schlicht neidisch waren, weil ich das tue, was ich tun will. Und diese Menschen tarnen sich bisweilen als Kenner der Branche, als Familienmitglieder, gute Freund:innen und Partner:innen. Aber nur weil man einen Menschen mag, muss er nicht auch automatisch das Beste für mich wollen. Nur weil jemand viel liest, muss dieser Mensch nicht automatisch wissen, wie der Buchmarkt funktioniert. Ich lasse mir ja auch nicht von jemandem, der eine Bürste benutzen kann, die Haare schneiden.

Die Fragen stellte Tatjana Flade.