Klaus Mann

Meine Anfänge

Klaus Mann: Der fromme Tanz. Homosexualität vor hundert Jahren.

Mit diesem Buch verbindet mich emotional sehr viel. Viel zu lange hatte ich im Grunde gar keinen Überblick über schwule Literatur. Ich hatte hier und da mal etwas gelesen, aber das Meiste war eher schlecht oder hatte mich gar nicht angesprochen. Doch dann bin ich während meines Studiums an einem Sonntag über einen der regelmäßigen Flohmärkte in Köln geschlendert und wie immer an den überbordenden Büchertischen stehengeblieben. Und da hat es mich erwischt: Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf den Namen Klaus Mann gestoßen und mir kam genau dieses Buch zwischen die Finger. Der Klappentext hat mich sofort angesprochen und aus dem Autorenprofil vorne im Buch habe ich entnommen, dass Klaus der älteste Sohn von Thomas Mann war. Damit hielt ich – davon war ich fest überzeugt – Qualität in den Händen. Ich hatte mich nicht getäuscht und eine große Liebe enttdeckt.

Die Anfänge schwuler Literatur in Deutschland

Der fromme Tanz er schien 1926 und gilt als einer der ersten deutschsprachigen Schwulen-Romane. Damit stellt er den Beginn einer langen Reihe von queeren Texten dar, die in den folgenden fast hundert Jahren auf den Markt kamen. Und damit ist er auch ein Muss für alle, die tiefer in dieses Genre einsteigen und sich mit den Ursprüngen schwuler Literatur beschäftigen. Der Autor outete sich seinerzeit mit der Veröffentlichung in einer Gesellschaft, die Homosexualität unter Strafe stellte (und daran sollte sich in der Folge auch lange nichts zu Positiven ändern). Die Reaktionen der Presse waren dementsprechend und da ist zum Beispiel von geschmackloser sexueller Ausschweifung die Rede. Dennoch wurde der Roman zu einem kleinen Erfolg für den erst 19jährigen Schriftsteller. Und zugleich war er schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, nur deshalb erfolgreich zu sein, weil er der Sohn des geachteten Meisters Thomas Mann war. Zeitlebens hat Klaus Mann darunter gelitten, dass seine Literatur immer im Schatten seines Vaters stand und er nie unabhängig betrachtet wurde.

Ich war begeistert, als ich das Buch damals zum ersten Mal las, denn mir hat sich eine ganz neue Welt der Literatur eröffnet. Erst danach habe ich mich gezielter auf die Suche nach schwulen Büchern gemacht, von denen es in den 1990er-Jahren noch deutlich weniger gab, als heute. Und ich habe mich nach und nach durch die anderen Bücher Klaus Manns gewühlt und seine Sprache lieben gelernt. Sie wirkt heute manchmal etwas sperrig. Man spürt, dass der Autor in den 1920er-Jahren noch am Anfang seines Schaffens stand und ihm die Übung fehlte. Dennoch tauche ich jedes Mal wieder tief in das historische Geschehen ein. Denn dieser Roman ist auch ein Abbild der biederen Gesellschaft, in der es – abgesehen von wenigen subkulturellen Orten in den Metropolen wie Berlin und München – keinen Platz für queere Menschen gab.

Flucht aus der Enge der Familie

Im Zentrum der Handlung steht der der 18jährige Andreas aus großbürgerlichem Elternhaus, der aus der Enge seiner Famlie nach Berlin und später nach Paris flieht. Er verliebt sich unsterblich in einen anderen Jungen und zerbricht unter den Folgen dieser Liebe. So viel zur Story, die aus heutiger Sicht nicht viel Neues herzugeben scheint. Aber damals war das eine Sensation. Ein schwuler junger Mann findet seinen eigenen Weg. Das hatte es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben.

Immer wieder tauchen autobiografische Züge zwischen den Zeilen auf und der Autor macht wenig Hehl daraus, dass er sich in die Hauptfigur in Teilen selbst hineingeschrieben hat. Aber bei der literarischen Betrachtung eines Textes tritt der Autor ja meist in den Hintergrund und die Figur, der Plot und die Sprache sollen sich voll entfalten. Sprachlich ist der Roman sehr fein und einfühlsam. Mir macht es nach wie vor unheimlich viel Spaß, den verschlungenen Sätzen von Klaus Mann zu folgen und mich an einem Stil zu ergötzen, der im 21. Jahrhundert irgendwie altertümlich daher kommt.

Klaus Mann in meinem Studium

Wer Lust auf eine authentische Reise in die Weimarer Republik hat und sich nicht vor der Sprache dieser Zeit scheut, sollte sich dieses Buch unbedingt einmal zu Gemüte führen. Ich habe das intensiv getan und sogar einen Teil meiner Magisterprüfungen an der Uni Köln mit Klaus Mann bestritten. So wahnsinnig viel hat er allerdings auch nicht geschrieben.

Kleiner Fun-Fact am Rande: Im Vorwort schreibt Klaus Mann über die Menschen in seinem Alter Folgendes: „Zuweilen will es mir beinahe vorkommen, als sei es an sich und von vorneherein schon ein Zeichen von Rückständigkeit und Melancholie, als junger Menschen heute überhaupt noch Bücher zu schreiben. Das Interesse für Literatur bei der Jugend darf länger nicht überschätzt werden. Ich glaube, dass sich nur bei Vereinzelten noch Enthusiasmus für die Wichtigkeit und die Notwendigkeit des Buches findet. Andere Dinge sind es, die im Vordergrund stehen.“

So viel zu den Unkenrufen, Jugendliche läsen heute keine Bücher mehr. Genau das Gleich hat man offenbar auch schon vor hundert Jahren gesagt.

Erstehen könnt ihr das Buch hier:


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