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Buchvorstellung

Das »normale« Leben

Matthias Lehmann: Parallel

Wer wie ich in den 1970er-Jahren geboren und in der Zeit danach aufgewachsen ist, hatte in gewisser Hinsicht Glück. Denn die Zeit der sexuellen Befreiung in den 60er-Jahren, die immer liberaler werdende Gesellschaft und auch die nach und nach an die Realität angepasste Rechtslage machte uns das Outing immer leichter. Selbst in den Medien traten nach und nach Promis aus dem Schatten – Hape Kerkeling und Alfred Biolek gingen diesen Schritt zwar nicht freiwillig, sondern wurden von Rosa von Praunheim öffentlich geoutet, aber das tat ihren Karrieren nach der ersten Aufregung keinen Abbruch. Die Menschen in Deutschland waren bereit, sich damit abzufinden, dass unter ihnen Schwule lebten. Und auch wenn heute bei Weitem noch nicht alles rosig ist in unserer Republik – zumindest in den Großstädten ist es kein großes Problem mehr, sich zu outen.

Vom politischen Irrsinn in den Konservativismus
Das war nicht immer so. In der Weimarer Republik gab es in den Metropolen eine zarte Öffnung, doch die wurde in den dunklen Jahren zwischen 1933 und 1945 brutal beendet. Aber wer nun denkt, mit dem Ende des Nationalsozialismus sei schlagartig alles besser geworden, der irrt gewaltig. Bis tief in die 60er-Jahre hinein wurden Schwule von staatlicher Seite verfolgt und waren gesellschaftlich geächtet. Und die dann allmählich einsetzende Veränderung war zäh. Sie zieht sich letztendlich bis in die Gegenwart. Abwertende Kommentare unter meinen Posts gehören quasi zum Tagesgeschäft. Je nach Region und sozialem Kontext ist ein Outing weiterhin manchmal mit drastischen Konsequenzen für das private und berufliche Leben verbunden. Man denke beispielsweise an die Dörfer in der tiefsten Provinz unseres Landes oder an die Fußballer in der Bundesliga. Wer sich hier outet, ist nicht ganz bei Trost oder sehr mutig.

Matthias Lehmann zeichnet in seiner graphic novel Parallel den Lebensweg eines schwulen Mannes nach, der in der Nachkriegszeit versucht, den Spagat zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Ausleben seiner Gefühle nachzukommen. Und der daran scheitert, weil es für ihn keinen Platz in der Gesellschaft gibt.

Der Blick in die Vergangenheit erklärt die Gegenwart
Trotz des schweren Themas gelingt es dem Autor und Illustrator, mich von der ersten bis zu letzten Seite in den Bann zu ziehen. Das mag daran liegen, dass ich eine historische Beschäftigung mit der Homosexualität durchaus spannend finde und es für wichtig erachte, mich damit zu auseinanderzusetzen. Denn natürlich sind mir in den vergangenen Jahrzehnten auch immer wieder ältere Schwule begegnet, die mir oft eigenartig gehemmt vorkamen. Oder die plötzlich aus allen Mustern herausfielen und nur noch geschminkt herumliefen, was ich dann meist irgendwie unangemessen fand. Erst in einer Auseinandersetzung mit dem Thema und der Beschäftigung mit der Frage, wie schwules Leben denn in den Jahren nach dem Krieg aussah, wurde mir klar, dass diese Männer gar nicht anders konnten, als sich so zu verhalten, wie sie es taten.

Wer in einem Umfeld des Hasses auf alles, was nicht der Norm entspricht, aufwächst, hat kaum die Chance, sich frei zu entwickeln. Wer sein wahres Sein ständig verstecken muss, damit er nicht verachtet, misshandelt oder eingesperrt wird, wird nicht wirklich zufrieden auftreten können. Und wer von frühen Jahren an – vor allem in der Pubertät und der Jugend, in der man sich ja eigentlich ausprobieren könnte – mit massiven Anfeindungen konfrontiert ist, bei dem ist die Hemmung, über seine „andersartige“ Sexualität zu sprechen, sehr nachvollziehbar. Die Brandmarkungen sitzen so tief, da lässt sich in einer sich öffnenden Gesellschaft nicht einfach ein Hebel umlegen. Das wird immer wieder viel Mut verlangen. Und genau davon erzählt die graphic novel von Lehmann sehr eindrücklich.

Meine Oma hat nur ein bisschen geweint
Während ich dieses Buch lese, denke ich wieder einmal, dass ich verdammtes Glück gehabt habe. Denn ich bin in einen sozialen und gesellschaftlichen Kontext hineingeboren worden, in dem ich so sein konnte und sein kann, wie ich bin. Meine Eltern sind mir zwar nicht vor Freude um den Hals gefallen, aber sie kamen aus der Studentenbewegung, sie waren nicht realitätsfern und sie konnten mich auch weiterhin als ihren Sohn lieben. Selbst meine Oma hat die Neuigkeiten damals mit Fassung getragen, ein paar Tränen verdrückt und sich im Laufe der Zeit immer offener gezeigt.

Gleichzeitig habe auch ich noch einen Teil dieser Hemmung in mir. Jedesmal, wenn ich erwähne, schwul zu sein, stolpere ich ein wenig über die Formulierung und frage mich sofort, wie mein Gegenüber denn jetzt wohl reagieren wird. Dabei habe ich selbst nur sehr selten blöde Reaktionen erfahren. Und ich frage mich, wie dieses Thema für nach dem Jahr 2000 geborene Menschen wohl ist. Fällt es ihnen noch leichter, darüber zu sprechen und sich zu outen? Oder haben sie auch Erfahrungen gemacht, die sie umsichtig walten lassen? Ich hoffe, dass das nicht der Fall ist und sich unsere Gesellschaft nachhaltig geöffnet hat.


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